Walfreiheit: ein problematischer Begriff

 

ruf der freiheit.

freiheit in gefahr.

die rettung.

Von Christopher Kurt Spiegl


das sind keine patscherten verse, sondern die titel von drei aufwendig inszenierten familienfilmen. in selbigen taucht willy – unser lieblingswal – durch die gesamte westliche kulturgeschichte. reichlich rührselig wird dabei der freiheitsfetisch unserer spezies penetriert.

 

kitsch ist faschismus, seine samtkuschelige guillotine.

 

dabei kann schon mal was schiefgehen. so richtig, weil: kitsch ist faschismus, seine samtkuschelige guillotine.

näher: film ist fiktion und weckt gefühle, die irgendwo zwischen begehrlichkeit und abneigung oszillieren. familien, die inkubatoren der zukunft, waren angesichts der filme in den 90ern mit einem grausamen widerspruch konfrontiert: free willy mit den kleinen gucken, okay. das tränensalz simuliert die unendlichen weiten der weltmeere direkt ins wohnzimmer, quasi. das ist schön. katharsis und erlösung, hurra!

der haken an der sache für die elternteile ist aber folgende tatsache:

 

„wahrlich ich sage euch: es sei denn, dass ihr umkehret
und werdet wie die kinder,
so werdet ihr nicht ins himmelreich kommen!“
(mt 18,3)

 

und der wissbegierige nachwuchs spricht eben nach der filmlektüre in vier worten ein peinliches thema an: „ist willy wirklich frei?“

 

schließlich ist ein arrested willy ein denkbar ungünstiges beispiel für eine ikone der freiheit.

 

da ist es für die familienoberhäupter schon wesentlich einfacher und angenehmer, die nichtexistenz des osterhasens oder des weihnachtsmanns zu offenbaren. schließlich ist ein arrested willy ein denkbar ungünstiges beispiel für eine ikone der freiheit. pädagogisch wertvoll? ned wirklich.

conclusio: da muss was getan werden!

rund 16 millionen euro an spendengeldern wurden gesammelt, um arrested willy – der in wirklichkeit übrigens keiko hieß – jenseits der filmwelt in die freiheit zuhieven. die aktion wurde aufwendig vorbereitet und keiko nahm quasi an einem “wie-überlebe-ich-in-der-freien-wildbahn-nach-25-jahren-gefangenschaft”-work-shop teil, ehe er 2002 dem atlantik überlassen wurde.

ein jahr später: wie es sich für die großen persönlichkeiten der jüngsten zeitgeschichte gehört, starb keiko mit 27 und stieg in den äther zu janis joplin, kurt cobain und amy winehouse auf. todesursache: drogenmissbrauch ausnahmsweise nicht, sondern unterernährung plus lungenentzündung.

ich hätte mir ein leben in semi-freiheit für keiko gewünscht, immerhin können orkas bis zu fünfzig jahre alt werden. wäre vertretbarer, vong persönlicher verantwortung gegenüber keiko her.

wir lernen: spenden für den tropfen auf den heißen stein der freiheit, das ist suboptimal. konsequent ausbeutung ablehnen und bekämpfen? ja, natürlich!

in diesem sinne: rettet die wale! und die welt noch dazu.

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