Viel geredet, nichts gesagt

Die Kommunikationsstrategie des neuen Rektors sorgt an der Uni Salzburg weiterhin für Kopfschütteln. Informationen über einen Total-Umbau der Uni-Struktur fließen nur spärlich aus dem Rektoratsbüro, ein schriftliches Konzept liegt bis heute nicht auf dem Tisch und wann der vom Rektor versprochene “breite Diskussionsprozess” stattfinden soll, weiß niemand.  Aber auch einige Universitätsangehörige bekleckern sich aktuell nicht gerade mit Ruhm. Ein Kommentar von Christoph Würflinger

Divide et impera
Letzten Dienstag, 14. Juli, hat Rektor Lehnert seine Pläne für die Neustrukturierung der Uni Salzburg dem Senat präsentiert. Der Senat ist das höchste gewählte Organ an der Uni, in dem Lehrende, Studierende und Bedienstete vertreten sind. Von dem, was bisher an Gerüchten die Runde gemacht hat, weichen die Pläne nur geringfügig ab: Die Spaltung der Naturwissenschaftlichen Fakultät (NaWi) scheint festzustehen. An der neu zu schaffenden Fakultät für “Data Science” soll ein neuer Fachbereich “Artificial Intelligence” entstehen, für den man sich eine “substanzielle Förderung” – sprich: Geld – vom Land Salzburg erwartet. Ob diese Rechnung in einer Zeit der Wirtschaftskrise aufgeht, wird sich zeigen.

An der Rest-NaWi sollen die Biowissenschaften aufgeteilt werden in Molekularbiologie und Medizinische Biologie. Die Philosophie an der Theologischen Fakultät wird aufgelöst und entweder in einen anderen Fachbereich an der Katholisch-Theologischen-Fakultät oder in die (säkulare) Philosophie der Kultur- und Gesellschaftswissenschaftlichen Fakultät eingegliedert. Auch Zusammenlegung von Anglistik, Romanistik, Slawistik und Linguistik zu einem Fachbereich “Sprachen und Sprachwissenschaft” sowie die Eingliederung der Altertumswissenschaften in den Fachbereich Geschichte hat sich Lehnert in den Kopf gesetzt. Damit würden extrem unterschiedliche Fächer in aufgeblähte Fachbereiche zusammengepresst. Wie solche Mega-Fachbereiche vernünftig administriert werden sollen, weiß niemand. 

Offenbar rechnet man mit einer Benachteiligung der KGW-Fakultät und möchte das sinkende Schiff verlassen.

Die Wirtschaftswissenschaften verbleiben – anders als bisher kolportiert – an der Rechtswissenschaftlichen Fakultät, die dafür in Zukunft mit dem klingenden Anglizismus “Economy and Law” betitelt werden soll. An der Zerschlagung der Kultur- und Gesellschaftswissenschaftlichen-Fakultät ändert das jedoch nichts: Nach Lehnerts Vorstellung sollen Kommunikationswissenschaft, Politikwissenschaft/Soziologie und Erziehungswissenschaft abgespalten werden und eine separate sozialwissenschaftliche Fakultät bilden. Unklar ist, ob nicht auch der Fachbereich Geschichte in diese Fakultät wechselt. Kurioserweise wollen – so heißt es – auch die PhilosophInnen dort hin. Offenbar rechnet man allgemein mit einer zukünftigen Benachteiligung der Kultur- und Gesellschaftswissenschaftlichen Fakultät und möchte das sinkende Schiff verlassen.


Den Unmut vieler Uni-Angehöriger, vor allem aus den Kultur- und Gesellschaftswissenschaften, die rund die Hälfte aller Studierenden der Uni Salzburg beheimaten, hat Lehnert zwar bemerkt, durchsetzen will er sein Vorhaben allerdings trotzdem. Wie es aussieht, dürfte er dabei leichtes Spiel haben: Trotz großen Murrens bringen sich die verschiedenen Fachbereiche und Einzelpersonen bereits für die erwarteten Verteilungskämpfe in Stellung und versuchen, jeweils für sich selbst das Maximum herauszuschlagen, anstatt gemeinsam solidarisch gegen die von oben oktroyierten Änderungen aufzutreten. Deren Zustandekommen ist nämlich alles andere als demokratisch. 

Bei näherer Betrachtung entpuppen sich die „neuen Kommunikationsformate“ als Farce.

Nach wie vor gibt es kein schriftliches Konzept, das als verlässliche Diskussionsbasis dienen könnte. Infos sind bisher nur informell aus dem Senat durchgesickert, für dessen Sitzungen auf dem Papier eine Verschwiegenheitspflicht gilt. Eine offene, ehrliche Diskussion über die Zukunft der Universität Salzburg, ihrer Studierenden und MitarbeiterInnen ist das nicht. Das muss sich auch das Rektorat eingestehen, das als Konsequenz zwei “neue Kommunikationsformate” gestartet hat. Bei näherer Betrachtung entpuppen sie sich aber als Farce.

Zwischen Message Control und Buzz-Word-Alarm
Zum einen gibt es die “Rector’s Column”, der auf der Uni-Homepage prominent beworben wird. Bisher gibt es davon eine Ausgabe, jene vom 9. Juli.  Dort wird in die ganze Welt hinausposaunt, wie schlecht es um die Finanzen der Uni bestellt sei. (Ob das dem Ruf der PLUS gut tut?) Neben der Millionen-Strafzahlung, die im Herbst auf die Uni zukommt (weil das über Jahre vom Rektorat eingeforderte Studienplatzfinanzierungsmodell der Uni nun auf den Kopf fällt), habe auch die Corona-Krise große Unkosten verursacht. Bitte, wie? Die Kosten für die neu installierten Desinfektionsmittelspender hat man doch bestimmt durch das eingesparte Häuslpapier und geringere Stromkosten wieder herinnen! Und die Fernlehre haben die Lehrenden ohnehin aus privater Tasche finanziert und ohne große Unterstützung durch die Uni auf die Beine gestellt. Dienst-Laptops? Webcams? Mikrofone? Die wurden den allermeisten nicht zur Verfügung gestellt, sondern mussten privat organisiert werden.

Die Kosten für die neu installierten Desinfektionsmittelspender hat man doch bestimmt durch das eingesparte Häuslpapier und geringere Stromkosten wieder herinnen!

Voller Stolz berichtet Lehnert außerdem, dass das Rektorat “seit seinem Antritt weit über 100 Einzelgespräche” geführt habe. Um es vorsichtig auszudrücken: Das ist in zehn Monaten nicht sehr viel. Das wäre im Schnitt pro Monat gerade mal zehn Gespräche. Bei einem Rektorat, das aus fünf Personen besteht. Eine durchschnittliche Fachbereichsleitung schafft das vermutlich in einem Monat, auch ohne fürstliche Gagen. Kommunikation ist freilich kein Wettbewerb, der sich rein in der Anzahl der geführten Gespräche messen lässt. Aber eine derart kleine Zahl lässt vermuten, welchen Stellenwert der neue Rektor der Mitsprache vieler Betroffener und den demokratischen Prozessen zumisst.

Um die “immensen finanziellen Herausforderungen”, informiert die Rector’s Column, meistern zu können, müssen – Achtung, Buzzword-Alarm! – “Synergien gefunden”, “Kräfte gebündelt”, “Kapazitäten geschaffen” werden. Der Prozess werde schwierig und nicht alle Wünsche können erfüllt werden, so Lehnert. Aber wie ernst ist der Versuch, Mitsprache und Mitbestimmung zu leben, denn tatsächlich? Veröffentlicht wurde “The Rector’s Column” am 9. Juli. Darin ist zu lesen, dass der “Diskussionsprozess” bis Ende Juli abgeschlossen sein wollte. Das wäre in 2 Wochen. Bis dato gibt es nicht einmal ein schriftliches Konzept. 

Für einen derart tiefgreifenden Reformprozess braucht es eine längere Vorlaufzeit, damit diejenigen, die die Arbeit an der Basis der Universität leisten – die Lehrenden, Forschenden, Studierenden und nicht-wissenschaftlich Bediensteten – sich einbringen können. Zuerst muss ein Konzept vorgelegt werden, das in der Folge breit diskutiert werden kann. Dann muss den verschiedenen Fachbereichen und anderen Organisationseinheiten genügend Zeit gegeben werden, um dieses Konzept zu besprechen und zu einer gemeinsamen Position zu kommen. Das braucht Zeit und geht sicher nicht in wenigen Wochen während der Sommerferien – und schon gar nicht eng getaktet mitten in einer globalen Pandemie, in der es nicht einmal gemeinsame (Präsenz-)Sitzungen geben darf. 

Spekulationen könnte man rasch entkräften, indem man offenlegt, was man eigentlich vorhat.

Dass Lehnert die Uni-Angehörigen offensichtlich für dumm verkauft, beweist der nächste Absatz der Rector’s Column. Darin schreibt Lehnert, dass die öffentlich zu vernehmenden Äußerungen über die Strukturänderungen reine Spekulation seien, sich auf vage Annahmen stützen würden oder schlichtweg falsch seien. Aber zum einen stimmen die “Spekulationen” in den Medien im Großen und Ganzen mit dem überein, was Lehnert selbst im Senat präsentiert hat. Und zum anderen könnte man “Spekulationen” rasch entkräften (oder idealerweise gar nicht erst aufkommen lassen), indem man offenlegt, was man eigentlich vorhat, anstatt im Dunkeln zu planen und bewusst Gerüchte, Unsicherheit und Spekulationen zu schüren.

PLUS Talk? Minus Erkenntnis!
Das zweite “neue Kommunikationsformat” ist der sogenannte “PLUS Talk”, in dem der Rektor via Webex ausgewählte Fragen beantwortet. Der erste “PLUS Talk” fand am 15. Juli mit etwa hundert TeilnehmerInnen statt. Die technischen Probleme klammern wir hier aus, das kann selbst den größten und professionellsten Organisationen passieren (die geplanten Kürzungen just bei der IT-Abteilung der Uni kann man dennoch in Frage stellen). Einige Fragen und Antworten waren nicht zu verstehen , aber das war halb so wild. Denn Rektor  Lehnert hat zwar viel und lang geredet, aber leider wenig gesagt. Die wichtigen, kritischen Fragen wurden ohnehin ignoriert. Die einzige bemerkenswerte Aussage des Rektors: Man solle in dieser schwierigen Zeit ein bisschen Demut zeigen und dankbar sein für den sicheren Arbeitsplatz, den die Uni bietet! An dieser Stelle: Liebe Grüße von den hunderten prekär Beschäftigten und den zahllosen StudienassistentInnen, die wegen Lehnerts Kürzungen im Herbst gar keine Stelle mehr bekommen! Die (nicht näher belegten) finanziellen Probleme will Lehnert “geräuschlos und so sozialverträglich wie möglich” lösen. Auch das verheißt nichts Gutes.

Die Überrumpelungstaktik lässt jeden Respekt vor demokratischen Traditionen vermissen.

Lehnert ist zweifellos ein schlauer Mann und sicherlich kein Stümper. Seine Vorgehensweise ist wohl kalkuliert. Er will seine Pläne ohne lästige Stolpersteine, großen Widerspruch oder demokratische Diskussion durchpeitschen. Das scheint auch zu funktionieren, denn öffentlich wird kaum Kritik geübt – weder an den Plänen noch an der Vorgehensweise. Dabei müsste gerade seine Überrumpelungstaktik, die jeden Respekt vor den demokratischen Traditionen der Universität vermissen lässt, für laute Empörung sorgen.

Ein nüchterner Blick zeigt: So, wie die Universität durch die Strukturreform torkelt, steuert sie direkt auf ein “Nicht genügend” zu. Das liegt an einer unprofessionellen Prozessgestaltung von oben ebenso wie an engstirnigen Kirchturmdenken im Kleinen. Dabei fehlt es nicht an Herausforderungen und Problemen – und damit ist nicht gemeint, dass die Universität sich noch nicht hundertprozentig der Profitlogik neoliberaler Bildungs- und Wissenschaftspolitik unterworfen hat. Es sollte um mehr gehen als PR-Spiele mit Etiketten für Fakultäten und Machtkämpfe, wer mit wem in welcher Fakultät sitzen darf.

Von einem produktiven Austausch über die Zukunft der Uni Salzburg sind wir derzeit leider weit entfernt.

Wichtiger wäre zu diskutieren, wie ein hochwertiges und selbstbestimmtes Studieren und Forschen jenseits verschulter Studienpläne und stressigem ECTS-Punkte-Sammeln ermöglicht werden kann; wie eine fruchtbare Zusammenarbeit über Fächergrenzen hinweg gelingen kann; was die Uni Salzburg als relativ kleine Hochschule in den Augen zukünftiger Studierender (abseits von Bergen und Seen) attraktiv machen kann; wie die Universität in den nächsten Semestern und Jahren mit der Corona-Epidemie umgehen kann; wie eine bessere soziale Durchmischung gelingen kann; und vieles mehr. Von einem produktiven Austausch über die Zukunft der Uni Salzburg sind wir derzeit leider weit entfernt. 

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