Spam für Kohle

Die Arbeit in einem Wirtschaftsreferat, das wird der oder dem wohl informierten LeserIn (x) bereits durch den Namen bewusst, kann teils recht trocken von statten gehen. Humorvolle Anmerkungen auf Refundierungsanträgen wie “Beinamputation jetzt” oder “Bein ab, bevor es zu spät ist” sind mitunter die einzigen Lichtblicke im buchhalterischen Leben (eigentlich ein recht harmloser Achillessehnenriss, aber die medizinischen Kenntnisse gewisser Personen aus dem ÖH-Umfeld sind wohl wie vieles andere noch auf mittelalterlichem Stand).

Gerald Lindner

Spam für Geld

Ein weiteres Highlight sind E-Mails aus verschiedensten afrikanischen Ländern, getauft auf die Namen „Nigerian Scam“ oder „419 Scam“[1], deren einziger Zweck es ist, den oder die AdressatIn dazu zu bewegen, Geld zu überweisen. Dank übrigens an dieser Stelle an unseren veralteten Spamfilter, ohne den ich diese Mails niemals erhalten würde und diesen Artikel hätte schreiben können. Der Aufbau eines solchen Mails lässt sich hier kurz anhand eines Beispiels zusammenfassen:

  • “Sehr reizend, Grüße Sir”, (vermutlich anders gemeint, aber trotzdem nett)
  • “lieber Wiref, ich hoffe auf Hilfe einer gläubigen Mann der sie sind” (es wird versucht, eine emotionale Verbindung mit dem oder der LeserIn herzustellen, etwa durch Lob oder einen Appell – ein häufig verwendeter journalistischer Handgriff, auch AutorInnen von großartigen Artikeln wie diesem hier verwenden ihn. Finden Sie die Stellen? Sie wurden mit einem x markiert)
  • „als ich klein wurde mein reiche Vater von seiner Government getötet und wir sind geflieht“ (tragisch, aber behalten wir im Hinterkopf dass es sich hier um Betrugsversuch handelt – jetzt bloß nicht weich werden)
  • „ich lebte in der Straße hungrig und benötige Hilfe“ (Als linker Gutmensch hat man an dieser Stelle bereits den Barscheck in der Hand, so viel Ungerechtigkeit verträgt man nicht)
  • „später ist meine Son von meine Vater vergiftet, und ich habe gegeben alles Geld für die Totenkiste“ (Der vorher erwähnte tote Vater hat das Kind vergiftet? Dieses Verbrechen an Mensch, Grammatik und Logik muss vor den Gerichtshof in Den Haag)
  • „In Vermutung Ihrer dringenden Antwort. Danke und gütige Grüße“.

Damit endet der Brief. Als kultivierte LeserInnen (x) erwarten Sie natürlich mehr von diesem uni:press-Artikel als mein bisheriges Spaßgekritzel – versuchen wir deshalb kurz ernst zu bleiben: Warum sind diese E-Mails so beklagenswert schlecht in Stil und Logik und trotzdem so erfolgreich?[2] Gerade weil sie so schlecht sind.

Cormac Herley, meines Wissens zwar niemals ÖH-Mitarbeiter, aber immerhin PhD und Principal Researcher bei Microsoft, hat sich mit diesem Problem befasst.[3] Die Spam-Schreiberlinge versuchen jene 0,01% der Personen anzuschreiben, die leichtgläubig Geld überweisen würden – der Rest macht sich ja diesbezüglich lustig oder schreibt unbeholfene Artikel darüber. Die AutorInnen können ihre gesamten zeitlichen Ressourcen auf diejenigen konzentrieren, die zurückschreiben. Der Rest hat das Ganze schon durchblickt, eine clevere Filterfunktion also.

Die Lösung um Spam-Mails einzuschränken lautet  folglich:[4] die zeitlichen Ressourcen der Spam-Verfasser aufzubrauchen. Herley empfiehlt dazu die Erstellung eines Programms (eines „Bots“), der eine E-Mail-Konversation vortäuschen soll. Wer wie meine Wenigkeit über eher bescheidene Programmierkenntnisse verfügt, sollte die vermeintlich (oder tatsächlich?) nigerianischen Personen in einen Dialog verwickeln: zuerst die Tragik des Ganzen bedauern, Hilfe anbieten, und danach eine zeitintensive Diskussion über irgendein Thema zu starten. Was weiß ich – vielleicht über Operationsmethoden im Mittelalter?

Falls Sie also, liebe Leserin, lieber Leser (x), demnächst Kontakt zum Wirtschaftsreferat der ÖH aufnehmen wollen und sich ärgern müssen, weil dieser arrogante Kerl nicht antwortet, bedenken Sie, dass der Referent höchstwahrscheinlich gerade eine wichtige E-Mail-Konversation mit internationalen Geschäftspartnern führt.


[1] Benannt nach dem nigerianischen Strafrechtsparagrafen für Betrug.

[2] Schätzungen aus dem Jahr 2006 gehen von Verlusten durch diese E-Mails in den USA in der Höhe von $200 Mio. aus; im Vereinigten Königreich liegen Schätzungen aus dem selben Jahr bei £150 Mio.

[3] Cormac, Herley 2012: “Why do Nigerian Scammers Say They are from Nigeria?”

[4] Außer jetzt bildungspolitische Maßnahmen wie ein verpflichtendes Schulfach “how to not screw up using e-mail“ oder militärischen Lösungen wie Nigeria das Internetkabel zu kappen.

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