Porträt von Martina Thiele vor der Uni-Biblitothek

Notlösung Digitalisierung? Ein Interview mit Prof.in Martina Thiele

Die Kommunikationswissenschaftlerin und Professorin Martina Thiele beschäftigt sich unter anderem mit Kommunikationstheorien und Mediengeschichte, Gender Studies sowie Stereotypen- und Vorurteilsforschung. Seit Mai lehrt und forscht sie nun am Institut für Medienwissenschaften in Tübingen mit Schwerpunkt „Digitalisierung und gesellschaftliche Verantwortung“. Wir haben mit Prof.in Martina Thiele über Digitalisierung in Zeiten von Corona gesprochen.

Die Fragen stellte Hannah Wahl

Titelbild: Patrick Daxenbichler

u:p: Unser Schwerpunktthema in der uni:press ist dieses Mal “Notlösung”, sind Digitalisierung, E-Learning bzw. Distance Learning, mehr als eine Notlösung, vielleicht sogar eine Chance für die Hochschullehre?

Martina Thiele:

Die sehr plötzlich nach Semesterstart erfolgende Umstellung auf digitale Lehre war natürlich zunächst eine Notlösung und sie ist es auch jetzt noch: wir versuchen, das, was wir in Präsenzlehrveranstaltungen face to face und regelmäßig zu vereinbarten Terminen an Wissen vermitteln, nun online den Studierenden zu kommunizieren – und dabei so gut es geht, die Technik zu unser aller Vorteil einzusetzen. 

Am Anfang wurde sehr viel diskutiert und ausprobiert: welches ist das beste Videokonferenzsystem? Was ist leicht handhabbar, kostengünstig und datenschutzrechtlich weniger bedenklich? Was spricht für asynchrone digitale Lehre? Wie nutzen wir vorhandene Plattformen wie das Blackboard? Wie geht das mit den Videoaufzeichnungen? Was machen wir, wenn weder die Lehrenden noch die Studierenden und die Kolleg*innen in der Verwaltung über die technische Ausstattung verfügen, die das Arbeiten im sog. „Homeoffice“ voraussetzt?

u:p: Kann man bereits Entwicklungen ausmachen, die Aufschluss darüber geben, inwiefern die Corona-Pandemie den Universitätsbetrieb langfristig verändern wird?

Martina Thiele:

Zunächst hat uns Corona sehr deutlich vor Augen geführt, dass sich das, was wir als „Normalität“ erfahren, sehr schnell verändern kann. Die Debatte über Digitales Lehren und Lernen, Forschen und Verwalten hat sicher einen Schub erhalten. Die Frage ist, in welche Richtung? Was wollen wir? Was ist für uns alle eher von Vorteil, was aber von Nachteil? Wer profitiert eigentlich von Homeoffice? 

Ich finde es hochinteressant, dass im Verlauf der Corona-Krise auch Themen wie Systemrelevanz, Care-Arbeit, Home Schooling, Klimawandel sowie nachhaltiger Konsum aufkamen. Deutlich wurde dabei, dass soziale Kategorien wie Geschlecht, Klasse, Alter, Ethnie zusammenwirken und soziale Ungleichheit verstärken.Darauf müssen wir reagieren! Wir haben schon während der Krise einen regelrechten Forschungsboom erlebt und zwar nicht nur in den Naturwissenschaften, sondern gerade auch in den Sozial- und Kulturwissenschaften. Wissenschaft insgesamt kann profitieren, denn wie wichtig wissenschaftliche Erkenntnisse für die Gesellschaft sind, hat uns die Krise sehr deutlich vor Augen geführt. Bleibt nur zu hoffen, dass tatsächlich mehr in Bildung investiert wird, statt die Krise zum Anlass zu nehmen, den Rotstift da anzusetzen, wo die unmittelbare ökonomische Verwertbarkeit nicht gesehen wird.

u:p: Der Begriff “Digitalisierung” ist überwiegend positiv konnotiert. Gibt es auch Gefahren, die mit Digitalisierung im Hochschulbereich einhergehen?

Martina Thiele:

Digitalisierung meint erst einmal nicht mehr und nicht weniger als große Datenmengen in kurzer Zeit verarbeiten zu können. Wer aber diese Techniken zu welchem Zweck einsetzt, ist die entscheidende gesellschaftspolitische Dimension der Digitalisierung. Eine Gefahr wird meistens heruntergespielt: das ist der Datenschutz. Ich finde es bezeichnend, dass wir vor Corona an den Universitäten in unzähligen Sitzungen über die Adaptierung der Datenschutzgrundverordnung diskutiert haben und uns einig waren, dass Datenschutz wichtig ist, nun aber mit dem Einsatz von Videokonferenzsystemen auch z.B. bei Prüfungen sensible Daten kommerziellen Unternehmen mehr oder weniger freiwillig zur Verfügung stellen.Eine andere Gefahr sehe ich darin, dass wir unsere akademische Öffentlichkeit, die natürlich auch an Räume und Orte gebunden ist, aufgeben, weil ja alles auch online möglich ist. Die Universität hat sich über die Jahrhunderte zu einem Ort des in Ruhe Nachdenken-Könnens, des Forschens, sich Treffens, Diskutierens, auch des Feierns entwickelt. Wir laufen Gefahr, uns diesen öffentlichen Raum nehmen zu lassen. Das ist ein Trend, der sich schon seit einigen Jahren abzeichnet und gegen den viel zu wenig – leider auch seitens der Studierenden – protestiert wird. Doch erste Umfragen belegen, dass nach der anfänglichen Freude über Homeoffice und asynchrones Lehren und Lernen eine kritischere Perspektive eingenommen wird.

u:p: Welchen Handlungsbedarf an den Universitäten und speziell im Bereich der Digitalisierung gibt es?

Martina Thiele:

Die Corona-Pandemie hat uns bestehende Probleme noch einmal verdeutlicht. So, ganz grundsätzlich, die Unterausstattung der österreichischen Hochschulen im europäischen Vergleich, die in manchen Fächern klar verbesserungswürdige Lehrenden-Studierenden-Relation, die veraltete technische Ausstattung – und das meint nicht nur Computer und WLAN – aber auch das Problem der Kinderbetreuung neben der Arbeit an der Uni, die preisgünstige Verpflegung der Studierenden und Mitarbeiter*innen in Mensen oder so scheinbar banale Dinge wie saubere Toiletten und Waschräume.

u:p: Der Schwerpunkt Ihrer Professur lautet “Digitalisierung und gesellschaftliche Verantwortung”. Warum geht Digitalisierung mit gesellschaftlicher Verantwortung einher?

Martina Thiele:

Mir gefällt, wie Sie die Frage formuliert haben! Sie sehen Digitalisierung mit Verantwortung eng verbunden. Das ist sicher der Fall! Die Frage ist jedoch, ab wann wer wofür verantwortlich ist? Vor der Entwicklung einer Technik steht zumeist die Problemdefinition und die Hoffnung, mit einer technischen Entwicklung das Problem – bspw. der Transport von Materie oder den großen Datenmengen – lösen zu können. Manchmal zeigt sich im Verlauf der Anwendung einer Technik, dass sie zwar ein Problem löst, aber x andere, alte und neue, hervorruft. Wie damit umgehen? Wer ist dann verantwortlich? Überhaupt, was heißt „gesellschaftliche Verantwortung“? Verantwortung der Gesellschaft oder gegenüber der Gesellschaft? Wer ist denn „die“ Gesellschaft? Sie merken: mein Zugang ist gesellschaftskritisch, besser noch: machtkritisch. Entscheidend ist, wer warum von bestimmten Entwicklungen profitiert, wer eher nicht, und wie zu erreichen ist, dass sich das Leben möglichst vieler Menschen verbessert, ohne dabei Lebensgrundlagen – die Natur – unwiederbringlich zu zerstören.

u:p: Aktuell findet unser berufliches, aber auch unser soziales Leben verstärkt online statt. Vielleicht kann man sogar von einem neuen Digitalisierungsschub sprechen. Welche Folgen kann die Datafizierung des Sozialen haben?

Martina Thiele:

Digitale Techniken haben uns ermöglicht, dennoch in Kontakt zu bleiben. Wenn wir uns schon nicht direkt treffen und umarmen durften, dann war es wenigstens möglich, sich online zu sehen und zu hören. Das mag auch nur eine Notlösung sein, aber immerhin! Viele Menschen, ich auch, war zwischendurch sehr froh, wenigstens so in Kontakt bleiben zu können. Eine „Datafizierung des Sozialen“ beinhaltet aber zusätzlich noch den Aspekt der Vermessung, des Zählens und Bewertens: wie viele Klicks, wie viele Teilnehmer*innen bei der Videokonferenz, wie viele Shares, Likes, Follower etc.

u:p: Für viele Menschen bedeutet Digitalisierung auch mehr Chancen auf Teilhabe. Der Aufenthaltsort, die Mobilität werden damit weniger wichtig. Heißt Digitalisierung somit zwingend weniger Ausgrenzung und mehr Partizipation?

Martina Thiele:

Kann sein, ja! Aber pauschal lässt sich das kaum beantworten. Während die einen, z.B. weniger mobile, an einen Ort gebundene Menschen, partizipieren können – so sie denn über die technische Grundausstattung und Anwendungswissen verfügen – bleiben andere „außen vor“ oder nutzen nur sehr eingeschränkt bestimmte Dienste und Plattformen und auch da nur die Inhalte, die ihnen vorgeschlagen werden.

u:p: Sie sind auch Expertin im Bereich der Stereotypenforschung, würden Sie sagen, dass die Corona bedingte Krise unser stereotypes Denken verstärkt?

Martina Thiele:

Dafür gibt es leider sehr viele Anzeichen! Es wird auf alte Rollenmuster – etwa bei der Kindererziehung und im Haushalt oder auch wenn es um wissenschaftliche und technische Expertise geht – zurückgegriffen. Und leider zeigt auch das Wiederaufleben und Neuspinnen von Verschwörungstheorien, wie langlebig negative Stereotype und Feinbilder sind. Grundsätzlich verstärken Krisen stereotypes Denken, doch gibt es erfreulicherweise auch immer wieder Anzeichen für Stereotypenwandel!

u:p: Verraten Sie uns noch, welche Forschungsprojekte Sie zukünftig in diesem Bereich planen?

Martina Thiele:

Mich interessiert besonders der Zusammenhang von Medien, Stereotypen und Humor, beispielsweise die Memes, die coronabedingt verstärkt in Umlauf sind. Inwiefern Algorithmen die Verbreitung stereotyper, letztlich diskriminierender Inhalte befördern, ist ein übergeordnetes Thema, zu dem ich gemeinsam mit Kolleg*innen anderer Disziplinen in den nächsten Jahren forschen werde. Ach, mir fallen noch x andere Themen ein, die aus kommunikations- und medienwissenschaftlicher Sicht bearbeitet werden müssten! Wenn Sie also auf der Suche nach einem interessanten Studienfach oder bereits dem Thema für Ihre Masterarbeit sind …

Lese-Tipp:

Martina Thiele: Medien und Stereotype. Konturen eines Forschungsfeldes. Bielefeld: transcript 2015.

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