In Österreich greift nur zu Kohle, wer keine Kohle hat

Kohle

Es gibt ja nicht viele Dinge, die man als kleiner Dreikäsehoch erlebt hat, an die man sich auch nach zwanzig Jahren noch gestochen scharf und unglaublich gerne erinnert. Meine Besuche bei Uroma und Uropa S. gehören jedoch zu diesen kostbaren Erinnerungen. Nicht nur deshalb, weil die Urli die besten Schoko-Busserln österreichweit backen konnte und sie mir ganz nebenbei beibrachte, wie man beim Kartenspielen erfolgreich schwindelt, sondern auch wegen der besonderen, gemütlichen Atmosphäre in der kleinen Siedlungswohnung, in der es immer lauschig warm (sprich: siedend heiß) war und nach Essen duftete.

Von Sandra Grübler


Heizen war früher eine Kunst

Geheizt wurde in der Wohnung von Oma und Opa noch mit einem alten Holzkohleofen mit Wasserschiff, vor dem wir Kinder uns gleichermaßen fürchteten wie angezogen fühlten, gerade weil es immer hieß: Nicht zu nah rangehen! Dieser Ofen war nicht bloß ein Ofen, sondern ein Abenteuer. Und das Heizen war eine Kunst. Von wegen 1) zum Heizungsregler marschieren, 2) ein paar Knöpfchen drücken und 3) schwups – ist die Bude warm. Vollautomatisiert war damals ein Fremdwort, wenn es ums Heizen ging. Wollte man es warm in der Wohnung haben, musste man sich einfach Zeit zum Einheizen nehmen. Und das mehrmals täglich, was hieß: Kohle und Holz die Kellertreppen hochschleppen, Ofen von Asche befreien, Brennmaterial richtig dosieren, regelmäßig nachlegen und wie ein Haftelmacher aufpassen, dass das Feuer nicht ausgeht. Klingt wie aus einem bekannten, alten Märchen? Tatsächlich sah man früher nach dem Einheizen vermutlich nicht selten einem Aschenputtel ähnlich. Außer man machte es wie mein Opa, der die Braunkohlebriketts mit Zeitungspapier umwickelte, um sich selbst nicht mit dem Kohlestaub schmutzig zu machen und der genau wusste, wie groß die Menge war, die er davon verwenden musste, damit die Wohnung nachts nicht auskühlte. Wie gesagt, Heizen war damals noch eine Kunst.

Für unsere Generation ist Kohle wie das Christkind

Später war ich niemals wieder in einer Wohnung, die mit einem Kohleofen geheizt wurde. Für unsere junge Generation ist Kohle ja ein bisschen wie das Christkind. Man hat schon davon gehört, aber gesehen …? Wir bringen mit dem Wort Kohle höchstens das in Verbindung, was permanent in unserem Portemonnaie fehlt oder lauschige Barbecues am See, zu denen man die obligate Großfamilienpackung Grillwürstel mitbringt. Aber Hausbrandkohle spielt in unserem Alltag praktisch keine Rolle mehr.

Tatsächlich heizen immer weniger Menschen in Österreich mit Kohle und die, die es noch tun, gehören zumeist der Generation 60+ an. Im Gespräch mit einem Brennmaterialien-Händler ist von einem jährlichen Rückgang der Heizkohleverkäufe von bis zu 10% die Rede.

Dank moderner Technik gibt es mittlerweile ja auch viel umweltfreundlichere, vollautomatisierte Heizsysteme. Warum also halten viele unserer Omas und Opas noch an ihrem Holzkohlenöfchen fest? Tradition? Weil das einfach schon immer so war? Nein. Einfach darum, weil sie trotz der unglaublich vielen Alternativen im Endeffekt doch keine Wahl haben.

Ja, Luftwärmepumpen und moderne Öl- oder Pelletsheizungen haben viele Vorteile gegenüber dem alten Kohleöfchen: Oma und Opa müss(t)en die Kohle nicht mehr täglich die Kellertreppe hochschleppen und um für Wärme in den eigenen vier Wänden zu sorgen, genügt das Drücken eines Knöpfchens – ganz zu schweigen von der Tatsache, dass viele andere Brennmaterialien kostengünstiger als Kohle sind und bei vielen moderneren Heizformen auch die Umwelt tausendmal dankt.

Aber Tatsache ist, dass die Umstellung auf andere Heizsysteme für viele ältere Menschen in Österreich unleistbar ist. Die Anschaffung einer neuen Heizung sprengt für viele den Rahmen des Möglichen, weshalb sich viele österreichische Omas und Opas noch immer tagtäglich die steile Kellertreppe hinunterhanteln, anstatt eine vollautomatisierte Heizanlage die Arbeit machen zu lassen.

In Österreich greift nur zu Kohle, wer keine Kohle hat

Wer in Österreich auch heute noch mit Kohle heizt, zählt grosso modo (Ausnahmen gibt’s immer) zu jenen, die jeden Cent dreimal umdrehen (müssen!), bevor sie ihn ausgeben. Die vor einigen Jahren eingeführte Kohleabgabe soll den Trend weg von der Kohle und hin zu erneuerbaren, umweltfreundlichen Energien beschleunigen, ist aber eben leider eine Steuer, die vor allem jene trifft, die nach wie vor zu Kohle als Heizmittel greifen, weil sie keine Kohle haben.

Obwohl mich die Erinnerung an das alte Kohleöfchen meiner Urgroßeltern ein wenig melancholisch stimmt, ist es doch gut, dass diese Form des Heizens immer mehr von der Bildfläche verschwindet, zugunsten nachhaltiger Technologien und Heizsysteme. Wachrüttelnd ist dabei aber, dass es bei jenen, die diesem Trend nicht folgen, meist nicht am Wollen, sondern am Können scheitert.

 

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