„Ich hätt’s gegessen wie Zuckerl“

Eine Anekdote, die mir im Teeniealter erzählt worden ist, hat sich in mein Gehirn gebrannt als wäre sie meiner eigenen Erinnerung entsprungen und hat sich nun beim Gedankenmachen rund um den Schwerpunkt dieser Ausgabe wieder in mein Gedächtnis geschlichen.

Von Carolina Forstner


„Wenn es sowas schon zu meiner Zeit gegeben hätte, ich hätt’s gegessen wie Zuckerl“.

Diese Aussage stammt nicht von mir und wie bereits oben erwähnt, war ich auch nicht live dabei – wie denn auch, liegt dieser Nachmittag, als meine Mutter mit meiner Urgroßmutter und deren Freundin bei Kaffee und Kuchen zusammensaß, einige Jahre vor meiner Geburt (laut mütterlicher Auskunft vor circa 26 Jahren). Ich kann mir die Szene aber aus Erzählungen im geistigen Auge vorstellen, als wäre ich neben meiner Urgroßmutter Berta gesessen und hätte diesem Clash verschiedener Generationen von Frauen selbst beigewohnt. Auf die Frage, ob meine Mutter mit der Antibabypille verhüte, war deren Antwort: „Nein, das ist nichts für mich.“ Woraufhin die betagte Freundin meiner Urgroßmutter den oben bereits zitierten Satz sichtlich empört laut ausrief: „Also wenn es sowas schon zu meiner Zeit gegeben hätte, ich hätt’s gegessen wie Zuckerl!“ ‚Damals‘ bezieht sich auf die Zeit des Zweiten Weltkrieges und die Nachkriegsjahre, als es die hormonelle Verhütung, wie wir sie heute in ihrer weiterentwickelten Form kennen, noch nicht gab.

 

Eine „vergessene Revolution“

Eine „vergessene Revolution“ nennt das Museum für Verhütung und Schwangerschaftsabbruch in Wien die Erfindung und schließlich für den breiten Markt geöffnete Durchsetzung einer, für damalige Zeiten, revolutionären Verhütungsmethode. Eine illustre Dinnerparty Anfang 1951 als Stein des Anstoßes für die Entwicklung der Antibabypille. Gastgeberin ist die siebzigjährige Margaret Sanger, eine Frau, die sich mit ihren Erfahrungen als Krankenschwester zur weltweiten Protagonistin in der Geburtenkontrolle gemausert hat. Gemeinsam mit Gynäkologen der Harvard Medical School und einer vermögenden betagten Witwe versuchte sie, die Lösung für das Problem der Empfängnisverhütung zu finden. Die Pille wird 1960 in den USA und 1961 auf dem deutschsprachigen Markt zugelassen. Wenig hat die Sexualität so verändert wie die Erfindung der Antibabypille. Doch wie steht es um Frauen anno 2017?

 

Keine Zuckerl!

Dass es sich bei der Antibabypille mitnichten um Zuckerl handelt, lässt sich schnell aus der Liste der Nebenwirkungen erschließen, die mit der Einnahme des Hormonprä- parats auftreten können. Zwar mag man nun als findiger Kenner von Medikamentenwerbungen über die „Risiken und Nebenwirkungen“, die jedes Medikament mit sich bringt, Bescheid wissen. „Den/die Arzt/Ärztin oder ApothekerIn bei Nebenwirkungen zu fragen“, stellt sich meiner Erfahrung nach oft als verschwendete Mühe heraus, da selbst die verständnisvollsten FrauenärztInnen zu den unerwünschten Begleiterscheinungen der Pille oft schweigen und mögliche auftretende Nebenwirkungen oft durch Eigeninitiative der Patientin erfragt werden müssen.

 

In Beratungsgesprächen werden Sorgen ob der physischen und psychischen Veränderungen, die mit der Einnahme der Antibabypille hervorgerufen werden können, oftmals unter den Teppich gekehrt. Laut dem österreichischen Verhütungsreport [1] aus dem Jahr 2015 verhüten 54 Prozent der 21-29-jährigen mithilfe der Antibabypille. Damit ist die Pille weiterhin unangefochtener Platz Eins der Verhütungsmittel für Frauen. Allzu oft wird die Antibabypille eingenommen, um die vom Hormonchaos gebeutelte Teenagerhaut von unliebsamen Pickeln zu befreien und einen regelmäßigen, planbaren Zyklus zu konstruieren. Denn wer möchte sich schon im Badeurlaub mit der Menstruationsblutung rumschlagen?

 

Heutige Dosierungen sind nicht mit den „Hormonhammern“ der ersten, auf dem offenen Markt zugelassenen Präparate zu vergleichen. Die erste Pille des deutschen Pharmakonzerns Schering wies noch 50 /ug* Östrogen auf, heutige Antibabypillen enthalten nur noch 20-30/ ug Östrogen. Risikofrei sind hormonelle Kontrazeptiva nie. Moderne Pillen der 3. und 4. Generation werden kritisiert, weil hier, im Gegensatz zu den Vorgängerpillen, der Anteil der Gelbkörperhormone erhöht ist. Das macht die Pille zwar an sich besser verträglich, verdoppelt aber laut Studien das Thromboserisiko [2] . Fälle wie der von Felicitas Rohrer, die eine Lungenembolie erlitt und gegen den Antibabypillenhersteller Bayer vor Gericht zog, sind in aller Munde. Dass omnipräsente Einzelschicksale, ob der Pharma-Multi Bayer nun die Schuld trägt oder nicht, die Angst vor Nebenwirkungen schüren und zum Überdenken der eigenen Verhütungsmethode führen, ist keiner Frau zu verdenken. Der Leiter des Ambulatoriums für Schwangerschaftsabbruch und Familienplanung DDr. Christian Fiala, Gynäkologe, Gynmed-Gründer und Initiator des weltweit einzigen Museums für Verhütung und Schwangerschaftsabbruch in Wien findet in einem Interview deutliche Worte: „Die Medienberichte sind emotionalisierend, tragische Einzelfälle werden aus dem Zusammenhang gerissen und isoliert dargestellt, der Kontext der Verhütung und insbesondere die Notwendigkeit, dass sich Frauen bei jedem Verkehr wirksam schützen sollten, wenn sie nicht schwanger werden wollen, werden nicht diskutiert.“ [3] Die „Hormonangst“ lässt sich statistisch festhalten: 28 Prozent der Befragten verhüten gar nicht. Über 12 Prozent der befragten Frauen vermeiden aus Angst vor Nebenwirkungen hormonelle Verhütungsmittel.

 

 

Wahlfreiheit

Die hormonellen Verhütungsmethoden haben das Leben von Frauen auf der ganzen Welt zum Positiven verändert. Positiv, weil nun Frauen, die vor der Durchsetzung der Antibabypille jeglicher Wahlfreiheit über ihre körperlichen Bedürfnisse entsagen mussten, freier nach ihren eigenen Bedürfnissen entscheiden können. Die Pille ist verträglicher geworden und ja: Nicht jede Frau ist mit den Nebenwirkungen, die durch die Einnahme der Pille oder jeglicher anderer hormoneller Verhütungsmittel auftreten können, konfrontiert.

 

Besonders verunsichert: Junge gebildete Frauen.

Skurrilerweise sind jene Bevölkerungsschichten, die in den 1960er-Jahren die Antibabypille als erste propagierten und einnahmen, heute besonders verunsichert: Junge gebildete Frauen. Französische Studien belegen bereits gesunkene Zahlen unter jungen Akademikerinnen, auch in Österreich sind ähnliche Tendenzen feststellbar. Die Angst und Unsicherheit ist spürbar, fast jedes Gespräch in meinem Freundinnenkreis dreht sich irgendwann um die unsägliche Frage: „Und wie verhütest du?“

 

56 Jahre nach der Markteinführung der Pille ist die Wahlfreiheit der Verhütungsmethoden für Frauen zwar erheblich gestiegen, zig Präparate unterschiedlichster hormoneller und nicht hormoneller Zusammensetzung werden feilgeboten. Ein Patentrezept, das für jede Frau passt und sich richtig anfühlt, muss aber wohl noch erfunden werden.

Einzelfälle wie der von Felicitas Rohrer verunsichern uns genauso wie schlechte Erfahrungen von Personen aus unserem näheren Umfeld dies tun. Dennoch handelt es sich bei Vorfällen wie dem von Felicitas Rohrer um Einzelfälle, die nicht automatisch auf jeden Frauenkörper übertragen werden können. Diese Conclusio mag nun wieder wie eine geschaltete Werbung der Pharmaindustrie wirken, aber überspitzt ausgedrückt: Die Schwarz- und Weißmalerei, das Verurteilen der bösen Pharma- Riesen und die Abkehr von jedwedem Verhütungsmittel, hin zu, am besten, natürlicher Empfängnisregelung (Papst Franziskus wird’s freuen) wird uns wohl kaum die gewünschte Wahlfreiheit unserer Verhütungsmethode weiter sichern. Natürlich bringen uns Geschichten wie die von jungen Frauen, die schwer erkranken, zum Nachdenken, da sie einem vor Augen halten, was man seinem Körper eventuell Tag für Tag zuführt und welche Konsequenzen damit verbunden sein könnten. Im Bezug auf so wichtige Entscheidungen, die unseren Körper betreffen, sollten wir in erster Linie auf unsere eigene Wahrnehmung, unser Körpergefühl, hören.

 

Für viele Frauen mag die Pille, oder ein anderes hormonelles Verhütungsmittel, die richtige Wahl sein. Für viele andere ist sie es nicht, doch auch hier gibt es Abhilfe durch alternative Methoden wie etwa die Kupfer-Spirale. Aufklärung und Information ist essentiell und funktioniert nur, wenn beide Seiten – FrauenärztInnen und Patientinnen – die Thematik ernst nehmen. Diffuse Ängste sind kontraproduktiv und schüren Zweifel. Verhütung darf mitnichten auf die leichte Schulter genommen werden, denn natürlich ist die Pille kein Zuckerl, so viel sollte ÄrztInnen und Patientinnen bewusst sein. Sie ist und bleibt ein hochwirksames Medikament und ist nicht für jeden Körper geeignet. Daher ist die Pille verschreibungspflichtig.

 

Dennoch: Die Pille war wegweisend für das wohl wichtigste Gut der modernen Frau: Selbstbestimmung. Die amerikanische Pionierin und Aktivistin für Geburtenkontrolle Margaret Sanger bringt es in einem kurzen Zitat auf den Punkt:

 

„NO WOMAN CAN CALL HERSELF FREE
WHO DOES NOT CONTROL HER OWN BODY.“

 

Ich bin froh, in einer Zeit zu leben, in der es mir als Frau freisteht, über eine selbstgewählte Empfängnisverhü- tungsmethode zu entscheiden und dass ich nicht wie Frauen, die nur ein paar Generationen vor mir lebten, die Antibabypille wie Bonbons lutschen will.

 

 

Wie funktioniert die Pille?

Die Antibabypille verhindert eine Schwangerschaft, indem sie dem Körper der Frau eine Schwangerschaft hormonell vorgaukelt. Die meisten auf dem Markt erhältlichen Pillen enthalten, in unterschiedlicher Zusammensetzung und Dosierung, die beiden weiblichen Geschlechtshormone Gestagen und Östrogen. Die Antibabypille wirkt einer Schwangerschaft auf dreierlei Art entgegen: Ihre Wirkstoffe verhindern das Heranreifen von Eizellen im Samenstock, ergo finden wie bei einer normalen Schwangerschaft keine Eisprünge mehr statt. Außerdem bewirkt das Hormon Gestagen, dass sich der im Gebärmutterhals sitzende Schleimpfropf nicht unter Östrogeneinfluss verflüssigt. Der verdickte Schleim verhindert das Eindringen von Spermien in die Gebärmutter. Der Aufbau der Gebärmutterschleimhaut wird durch die enthaltenden Hormone der Antibabypille gehemmt, einer, im höchst unwahrscheinlichen Fall, befruchteten Eizelle wird es somit fast unmöglich gemacht, sich einzunisten.

 

Mögliche Vorteile der Pille [4]:

• Die Pille bietet bei regelmäßiger Einnahme fast 100 prozentigen Schutz

• Sie ist ab dem ersten Tag der Einnahme wirksam

• Linderung von Regelbeschwerden sowie schwächere Monatsblutung

• Positive Auswirkungen auf das Hautbild

• Gute Zykluskontrolle

Die Antibabypille zählt zu den Arzneimitteln und kann wie jedes Medikament unerwünschte Nebenwirkungen hervorrufen.

 

Mögliche Nachteile:

• Die Pille schützt nicht vor sexuell übertragbaren Infektionen

• Muss regelmäßig und zur selben Uhrzeit eingenommen werden

• Nebenwirkungen wie u.a. Übelkeit, Erbrechen, Gewichtszunahme können auftreten

• Auch die weibliche Psyche kann durch die Hormondosis beeinflusst werden, vor allem starke Stimmungsschwankungen und sexuelle Unlust können eine negative Auswirkung der Antibabypille sein

• Das in der Pille enthaltene Östrogen kann Blutgerinnung und Blutdruck verändern, dadurch steigt das Risiko auf Thrombosen und Embolie. Frauen, die einer Risikogruppe angehören, zum Beispiel durch erbliche Vorbelastung wie etwa Gerinnungsstörungserkrankungen in der Familie, sollten die Pille nicht nehmen

• Die Kombination von Pille und Rauchen führt zu Blutgefäßverengung, Raucherinnen wird deshalb von der Einnahme der Antibabypille abgeraten


[1] Vgl. http://verhuetungsreport.at/sites/verhuetungsreport.at/files/2015/gynmed.pdf
[2] Vgl. https://www.profil.at/wissenschaft/schluckbeschwerden-medien-panik-einnahme-pille-6362448
[3] https://www.vice.com/alps/article/pillenangst-hormonelle-verhuetung-829
[4] https://www.gesundheit.gv.at/leben/sexualitaet/verhuetung/verhuetungsmittel/hormonelle-verhuetung/pille

2 thoughts on “„Ich hätt’s gegessen wie Zuckerl“

  1. Interessant:

    „Dennoch: Die Pille war wegweisend für das wohl wichtigste Gut der modernen Frau: Selbstbestimmung. Die amerikanische Pionierin und Aktivistin für Geburtenkontrolle Margaret Sanger bringt es in einem kurzen Zitat auf den Punkt:

    „NO WOMAN CAN CALL HERSELF FREE
    WHO DOES NOT CONTROL HER OWN BODY.“

    Daraus könnte man eventuell schlussfolgern, dass die eigentliche Bedrohung von Freiheit und Selbstbestimmtheit in ihrem Kern erstmal nicht durch das Patriachat oder sonstwen bedingt ist, sondern durch die Biologie.

    Denn die ist wie sie ist und weil sie ist wie ist, hat eine Frau von Natur aus erstmal KEINE Kontrolle über ihren eigenen Körper, da sie ohne moderne Verhütungsmittel eben keine Kontrolle darüber hat, wann der eigene Körper gerade fruchtbar ist und wann nicht.

    Patriacharle Strukturen kommen dann natürlich noch drauf, nämlich wenn sie der Frau zusätzlich die Freiheit nehmen, „Nein“ zum Sex zu sagen, denn wenn eine Frau biologisch bedingt nicht kontrollieren kann, wann sie fruchtbar ist, und gesellschaftlich bedingt nicht kontrollieren kann, wann sie Sex hat (bzw. vergewaltigt wird), dann hat sie keinerlei eigene Kontrolle über die Anzahl ihrer Schwangerschaften (und dann ggf. Kinder, wenn Abtreibung entweder medizin-technisch zu riskant ist – woran dann auch die Natur erstmal schuld ist – und/oder gesellschaftlich zu sanktioniert).

    Womit dann logischerweise manche von einem eventueller Schöpfer ggf. eine Erklärung einfordern würden, was er/sie/es sich dabei gedacht hat, die Unfreiheit der Frau nach sangerschem Begriffsverständnis auch biologisch zu „verankern“.

  2. Ich kenne mittlerweile einige Frauen, (Ex-)Partnerinnen und Freundinnen, welche die Pille nach langer, durchgehender Einnahme (mehrere Jahre) abgesetzt haben.
    Sie alle beschreiben eine vollständig neue, intensivere und deutbare Körperwahrnehmung sowie ein ganz neues Lustgefühl. Dieses nicht nur in sexueller Hinsicht, sondern auch mehr Lebenslust grundsätzlich. Manche beschreiben ein Gefühl des „richtigen“ Ankommens in ihrem Körper.
    Gesundheitlich traten bei vielen die zu häufigen Blasenentzündungen auch nicht mehr auf.
    Eine Nebenwirkung, welche ich in vielen Foren zu diesem Thema als beschriebenes Problem fand.
    Ich schreibe hier nicht als Pillen-Gegner, ich möchte einfach von meinen Beobachtungen und Auseinandersetzungen zu diesem Thema berichten. Grundsätzlich finde ich die Pille, in bewussten Ausmaßen angewendet, eine gute Sache.
    Ich möchte jedoch auch einfach eine Frage in den Raum stellen, welche sich jede, die die Pille dauerhaft nimmt, für sich immer wieder mal in aller Ruhe stellen sollte:
    Was bedeutet das für meinen Körper und die Psyche über Jahre hinweg dauerschwanger zu sein? Denn dies simuliert die Pille ja.
    Es sollte vielleicht so im Beipackzettel stehen: Bitte bedenken Sie, Sie sind dann dauerschwanger.
    PS: Ja, ich bin ein Mann, Sex ohne Gummi ist zugegebener Maßen toll. Die Frage ist nur, zu welchem Preis, wenn einem jemand am Herzen liegt…

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