Symbolbild

Hass statt Kritik

Lehrveranstaltungen und ihre Inhalte sollen abwechslungsreich, kritisch und aktuell sein. Das gelang im vergangenen Semester der Ringvorlesung “Repräsentation und Kritik. Politiker*innen in den Medien”, die der Fachbereich Kommunikationswissenschaften gemeinsam mit der Abteilung disability&diversity und dem Gendup organisierte. Das brandheiße Thema Hate Speech zog mit den geladenen Gästen Sigi Maurer und Ricarda Drüeke besonders viele Studierende an. (Triggerwarnung – Hasspostings)

Von Hannah Wahl

Viele von uns haben bereits diskriminierende Postings auf Social Media gemeldet und darauf gewartet, dass die menschenverachtenden Inhalte entfernt werden. Die meisten wurden enttäuscht. Obwohl wir Studierende durch fehlende Prominenz weniger im Zentrum von großen medialen Auseinandersetzungen stehen, laufen wir Gefahr, Hass abzubekommen, sei es, weil wir uns online auf Diskussionen einlassen oder wir politisch aktiv sind. Zudem sind wir alle Beobachter*innen des im Netz präsenten Hasses. Wie gehen Politiker*innen, die regelmäßig davon betroffen sind, mit den Angriffen um? Welche Strategien zum Umgang mit Hass im Netz gibt es?

Hate Speech, oder Hassrede, bezeichnet sprachliche Äußerungen, die artikuliert werden, um die Adressat*innen – Einzelpersonen oder Gruppen – zu verunglimpfen und Hass zu schüren. Oft geht es dabei um das Geschlecht, die politisch-ideologische Orientierung, die sexuelle Orientierung, die Religion, Behinderungen, das Alter, oder die ethnische Zugehörigkeit von Personen.

Kaum Justizministerin und schon dem Hass im Netz ausgesetzt

Noch vor ihrem Antritt als Österreichs neue Justizministerin war Alma Zadić hasserfüllten Angreifer*innen in den sozialen Medien ausgesetzt. Vorne mit dabei: Die FPÖ – Unter anderem postete Dominik Nepp, Obmann der Wiener FPÖ, auf Facebook: “Hat die zukünftige Justizministerin Alma Zadić Kontakt zu Islamisten?” Zahlreiche Facebookprofile, viele davon mit Klarnamen geführt, hetzen unter Zeitungsartikel und Postings in den Sozialen Netzwerken gegen die Politikerin. Konstruktive Kritik oder Auseinandersetzung mit politischen Inhalten – Fehlanzeige. Im Fokus der Hasspostings steht die Diskriminierung ihrer Person als Frau mit migrantischem Hintergrund. Beschimpfungen, Gewalt- und Morddrohungen: Auch nach der Angelobung reißen die Hasspostings nicht ab: “Es ist nicht einfach, damit umzugehen”, aber “ich bleibe stark”, äußerte sich Zadić, die seit dem Amtsantritt unter Polizeischutz steht, gegenüber dem Falter.

Die Muster hinter den Hasspostings

Wie schnell sich eine Hasswelle formiert, zeigte Ricarda Drüeke mit ihrem Vortrag zu Hate Speech. Drüeke legte sprachliche sowie inhaltliche Muster von Hasspostings offen. Es gäbe eine leiblich-affektive Ebene, also den Bezug zu Körper, die Sexualisierung von Frauen* sowie Rassifizierung. Zudem würde eine ausgrenzende Differenzierung zwischen einem künstlichen “wir” und einem künstlichem “die Anderen” stattfinden. Oft werde den im Fokus stehenden Personen und ihrer Argumentation die Wissenschaftlichkeit abgesprochen und die Legitimität von feministischen und antirassistischen Forderungen in Abrede gestellt. Charakteristisch für von Hass gelenkte Postings sei auch die Vermischung verschiedener, z.B. rassistischer, antifeministischer, sexistischer, Diskursstränge.

Am Beispiel einer sexistischen Palmers-Werbung, zu der sich Corinna Milborn kritisch äußerte, wurde deutlich, dass es nur eines kleinen Auslösers bedarf, um manchmal mehr, manchmal weniger unterschwellige Ressentiments an die Oberfläche zu schwemmen. Anstatt inhaltlich auf Milborns Kritik, die Werbung würde mit einer Ästhetik spielen, die an Menschenhandel erinnere, einzugehen, konterte Stratosphärenhüpfer Baumgartner untergriffig und herablassend mit folgenden Worten: “Schön wenn sich Zuhause wieder einige sogar zu Ostern aufregen! Allen voran Puls4-Infochefin und -Moderatorin Corinna Milborn, bei der Figur auch kein Wunder! Ich finde die Mädls weltklasse und springe da gerne mal dazwischen rein, auch ohne Fallschirm! Danke Palmers und liebe Grüsse aus LA. FELIX”.

Sigi Maurer stellte sich den Fragen der Studierenden

Grünen-Politikerin und Nationalratsabgeordnete Sigi Maurer konnte die Ohnmacht gegen Hassnachrichten bereits spüren und stellte sich in der Vorlesung den Fragen der Studierenden. Besonders spannend war dabei die bekannte Causa Craft-Beer, die bis heute die Gerichte beschäftigt. Im Mai 2018 wurde Maurer durch obszöne Nachrichten vom Facebook-Account eines Bierlokalbetreibers belästigt. Es handelte sich um einen Craft-Beer-Laden, an dem Maurer oft vorbeigeht und dessen Gäste sie anpöbelten. Als sie die Nachricht in ihrem Postfach hatte, entschied sich die ehemalige Studierendenvertreterin dazu, einen Screenshot mit dem Namen des Inhabers und Lokaladresse zu veröffentlichen und erklärt in der Vorlesung: “weil ich da jeden Tag vorbeigehen hab müssen.” Es hätte außerdem keine realistische Möglichkeit gegeben gegen die Hassnachricht juristisch vorzugehen. Der Lokalbetreiber bestreitet bis heute, die Nachricht, die von seinem Account geschickt wurde, verfasst zu haben. 2019 hob das Wiener Oberlandesgericht das Urteil auf, das Maurer ein Jahr zuvor wegen übler Nachrede zu einer Geldstrafe in Höhe von 3000 Euro und einer Entschädigung in Höhe von 4000 Euro verpflichtete. Nun wird die Causa neu verhandelt. Das Gespräch mit Sigi Maurer machte deutlich, wie schwierig es ist, gegen sehr explizite Hassnachrichten juristisch vorzugehen.

Was tun, wenn ich selbst betroffen bin

Wenn du selbst von Hass im Netz betroffen bist, kannst du die ZARA-Beratungsstelle #GegenHassimNetz kontaktieren. Die juristisch und psychosozial geschulten Mitarbeiter*innen beraten via Chat, Messenger, E-Mail, telefonisch oder persönlich. Es ist auch möglich, einen Vorfall namentlich oder anonym auf der ZARA-Webseite zu melden. Das Angebot ist kostenlos, bietet Unterstützung bei möglichen rechtlichen Schritten und informiert über Gegenstrategien.

In ihrem Vortrag nennt Drüeke auch den künstlerischen Umgang mit der Thematik: Wiederaneignung und Empowerment durch Hate Slams (angelehnt an die Poetry Slams), bei denen beleidigende und diskriminierenden Nachrichten vor einem Publikum vorgetragen werden. Zudem gibt es die Möglichkeit Initiativen wie #aufstehn oder #keinhassimnetz zu unterstützen, sich mit Betroffenen auf Social Media zu solidarisieren und auf “Hass im Netz” aufmerksam zu machen.

Das Gespräch mit Sigi Maurer ist online auf UniTV.org anzusehen.
Konzeption und Durchführung der Ringvorlesung: Martina Thiele (FB KoWi), Christine Steger (Abteilung disability&diversity), Cornelia Brunnauer (gendup), Ingrid Schicker (gendup)

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