Früher war alles besser? Ja, zumindest in Stars Hollow

Gilmore Girls

Von Carolina Forstner

Ich geb’s zu, auch ich hab mich mitreißen lassen und schon kurz nach der Bekanntgabe sehnsüchtig Richtung November gelinst und nun bin ich, milde ausgedrückt, enttäuscht.

Es gibt Dinge, die versetzen einen in einen heimeligen Zustand, vertraute Gerüche, wie etwa bei mir das Lieblingsparfüm meiner Mama, oder der Duft meines Lieblingsessens. Ähnlich, wenn auch vielleicht nicht ganz so sentimental angehaucht, verhält es sich für viele bei Serien. Wer, sofern eine gewisse Vorliebe besteht, wird nicht ein bisschen wehmütig, wenn er den Titelsong von O.C. California hört, oder zum 20. Mal dieselbe „Malcolm Mittendrin“ Folge sieht? Ein Geniestreich also, dachte sich wohl Amy Sherman-Palladino, die Erfinderin der Mutter-Tochter-Serie schlechthin, der „Gilmore Girls“, eine Reunion des Quotenschlagers für Ende November als Netflix original anzubieten und so auch jüngeres Publikum, das damals durch den Raster fiel, zu ködern.

Ab 2004 wurde die amerikanische Serie im deutschsprachigen Fernsehen ausgestrahlt und versüßte mir somit meine Nachmittage – 15 Uhr Vox, falls sich die eine oder andere noch daran erinnern kann. Eine kurze Zusammenfassung für alle Unwissenden, oder diejenigen, die nach dem Ende der Serie 2007 geblitzdingst wurden und sich an nichts mehr erinnern können: Wie bereits weiter oben erwähnt, handelt die Serie von einem Mutter-Tochter-Gespann, das, so will es die Dramaturgie, nicht nur beste Freundinnen ist, sondern auch noch den gleichen Namen – Lorelai – trägt. In 153 Episoden, serviert in sieben Staffeln, lieferten die Girls aus einer Kleinstadt namens Stars Hollow, angesiedelt im Ostküstenstaat Connecticut, eher seichte aber durchaus mitreißende Unterhaltung. Eine Serie, die den bereits erwähnten heimeligen Wohlfühlcharakter perfekt erfüllt: Eingängige Titelmelodien, eine schrullige Kleinstadt mit noch schrulligeren BewohnerInnen, liebenswerte Hauptdarstellerinnen, humorvolle, oft grandios überzeichnete Charaktere – man denke nur an den Kaffeehaus-Misanthropen Luke – und natürlich auch noch andere Männer, die im Leben der beiden Rory‘s herumschwirren. Soweit, so gut. Das Ende der Gilmore Girls war mir zwar noch wehmütig in Erinnerung, doch, wie bei so vielen guten Serien, war sowieso irgendwann die Luft raus und das Mutter-Tochter-best-friends-forever – Konzept auch ausgelutscht. Fast zehn Jahre nach dem besagten Serienende dann das Comeback, aufgebauscht durch einen massiven Social media Auftritt ließ es auch mein Fangirlherz höher schlagen. Ich sage es nur allzu ungern, aber ich bin enttäuscht! Manche Dinge sollten kein Revival feiern – das „Tschisi“ ohne die charakteristischen Käselöcher, blanker Betrug! Genauso fühlte ich mich auch bei dieser sechsstündigen Odyssee namens: „Gilmore Girls: A Year In The Life“

7 Gründe, warum das Revival der „Girls“, meiner höchst subjektiven Meinung nach, gescheitert ist (Spoiler – Alarm):

  • Lauren Graham’s (alias Lorelai, die Mutter) Gesicht – ernsthaft, da wurde fast bis zur Unkenntlichkeit glattgebügelt. Mimik, außerhalb des versteinerten Botoxblickes, die ja beim Schauspielern keine unwesentliche Rolle spielt, ist somit wohl nur schwer herstellbar – ein Graus! Und apropos Lorelai: Was soll dieser Selbstfindungstrip a la „Eat, Pray. Love“?
  • Seien wir uns doch mal ehrlich, rückblickend war Rory eigentlich schon immer ein Charakter, den man nur schwer ins Herz schließen konnte: Ein Wunderkind, gesegnet mit Schönheit, Intelligenz und unfassbar guten Genen, das Tonnen an Fast food verschlingen kann, schwierig. Noch schwieriger wirds im Revival. Rory wird von der Vorzeigestreberin, die man trotz der erwähnten unverschämten Perfektion anno dazumal doch irgendwie lieben musste, zur egoistischen, abgeklärten 32-jährigen Frau in der Sinnkrise.
  • Die kauzigen Nebencharaktere, wie etwa der legendäre Taylor Doose, bleiben blass oder wirken so, als hätte hier jemand auf Biegen und Brechen versucht, sie noch verrückter darzustellen.
  • Zu viel Musical. Okay, hier spricht die Musicalhasserin aus mir, aber trotzdem, ist es wirklich notwendig, in ein doch sehr straffes Programm von vier Folgen einer Miniserie, das zehn Jahre nach dem Ende der Originalserie spielt, eine zehnminütige Musicalszene einzubauen?
  • Ein heilloses Durcheinander. Da kommt der, wie im vorhergehenden Punkt erwähnte, stramme Ablauf wieder ins Spiel. Kurz zusammengefasst: Man wollte einfach zu viel.
  • Warum werden eigentlich alle tollen Darstellerinnen bestraft? Die kongeniale Paris Geller, eine Person, die man nur hassen und gleichzeitig auch lieben musste, als zu erfolgreich für ihren dadurch eingeschüchterten, an verfrühter Midlife crisis leidenden Ehemann Doyle – Hallo altes Rollenbild, Byebye Emanzipation! Ist ja auch wirklich anstrengend, wenn Weibsbilder versuchen, sich einen Weg durch die gläserne Decke zu verschaffen, verständlich. Stiefmütterlich wird auch Rorys beste Freundin Lane behandelt, deren gesamte Storyline sich wohl in zehn Jahren nicht veränderte: Koreanische Tyrannenmutter und erfolglose Band. Zu allem Überfluss scheint ihre einzige Aufgabe im Revival zu sein, die ätzende Rory aufzubauen, arme Lane. Von Melissa McCarty, die die chaotische Köchin Sookie spielt, will ich hier gar nicht anfangen, ihr Part beschränkt sich aufs Minimalste. Sie ist ja nun in Hollywood eine richtig große Nummer und braucht solch aufgewärmte Serienrevivals wohl kaum, weise Entscheidung Melissa.
  • Männerchaos. Erstmal nichts Schlechtes. Die Merchandising-Maschinerie der Serie hat uns ja einiges versprochen, besonders rund um Rorys Gspusis. Der aalglatte Dean, Bad Boy Jess, oder doch der steinreiche Logan? Ach so, und wer ist eigentlich Paul? Das Ende ist mehr als enttäuschend, allen männlichen Darstellern wird eine äußerst kurze Sendezeit eingeräumt. Und noch etwas: Könnte Rory, wie in den letzten Sendeminuten von Folge vier enthüllt wird, von einem Typen, der als Wookie verkleidet war, schwanger sein? Fragen über Fragen und ein unheimlich fieser Cliffhanger, dem hoffentlich keine weitere schlechte Fortsetzung folgt.

Einziger Lichtblick der Miniserie ist die wunderbar herzerwärmende Story rund um die frisch verwitwete Mutter von Lorelai, Emily. Sie trauert um ihren verstorbenen Mann und versucht gleichzeitig, ihr Leben neu zu ordnen, jeder Moment geht einem nah und berührt. Emily wusste schon zu Serienzeiten, wie man polarisiert und enttäuscht uns, als Einzige des gesamten Casts, nicht. Wenn einschalten, dann für Emily!

Die Bilanz des Serienrevivals der Gilmore Girls ist bitter. Von der charmanten Leichtigkeit, von der die Serie geradezu sprühte, ist nicht mehr viel zu erkennen. „Gilmore Girls: A Year In The Life“ ist ein blasser Abklatsch einer Kultserie. Den ehemaligen Fans bleibt nur eine Wahl: Die Miniserie aus dem Gedächtnis löschen und aus Nostalgiegründen die alten Folgen ansehen, wenn die Sehnsucht zu groß wird. Aufgewärmt schmeckt eben nur Gulasch gut.

Erst am 08.01. wurden wieder Gerüchte laut, dass es eine Fortsetzung der Fortsetzung geben könnte. Hauptdarstellerin Alexis Bledel schloss, angesprochen auf ein Revival der Miniserie, dieses nicht aus und meinte dazu: „Bei jeder weiteren Gilmore-Girls-Folge müsste das Timing stimmen.“[1] Gespräche zu einer möglichen Fortsetzung gibt es laut Bledel noch nicht. Der Seriennostalgiker in mir hofft, dass das auch so bleibt und wenn noch eine Neuauflage folgen sollte, dann wenigstens dieses Mal mit dem Timing, das nicht nur ich in dieser Fortsetzung so kläglich vermisst habe.

[1] https://kurier.at/kultur/noch-mehr-gilmore-girls-rory-raetselt-selbst/239.948.738

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