Feministisches Rollschuh-Rugby

Im Jänner fand der erste Home Bout des Salzburger Roller-Derby-Teams SBG KNOCKouts statt. Hä? Home Bout? Roller Derby? Knockouts? Wer da nur Bahnhof versteht, ist hier genau richtig. Wir waren live dabei beim wahrscheinlich coolsten Sport der Welt. Von Christoph Würflinger

 

Etwa 140 Zuschauer*innen fanden sich am 18. Jänner in der Sporthalle in der Josef-Preis-Allee ein, um die SBG KNOCKouts anzufeuern. Für Sportfans ein ungewöhnlicher Anblick: Keine Bälle, keine Tore, kein Netz, keine Körbe, nur eine improvisierte Klebeband-Markierung am Boden, die neben den klassischen Sporthallen-Linien fast untergeht. Sie kennzeichnet die ovale Bahn (track), auf der an diesem Tag die 2018 gegründeten Salzburger Rhinos (so der Spitzname) gegen die Breslau Rebels antreten werden. Inspiziert wird das Oval vor Spielbeginn von einer jungen Frau, die eine eigenartige, schwarz-gelb gestreifte Hose trägt. Dass es sich dabei nicht nur um ihr eigenwilliges Modeverständnis handelt, wird uns erst später klar. Aber dazu später mehr; zuerst die Basics:

Beim Roller Derby treten zwei rollschuhtragende Fünferteams gegeneinander an. Sie fahren innerhalb der markierten Bahn gegen den Uhrzeigersinn im Kreis. Gepunktet wird, wenn die sogenannte Jammer*in das gegnerische Team überrunden kann. Aufgabe ihrer vier Mitspieler*innen – dem pack – ist es, die gegnerische Jammer*in zu blocken und gleichzeitig den Weg für die eigene Jammer*in frei zu machen. Weil es dabei mitunter recht ruppig zur Sache geht, werden Knie-, Ellbogen- und Handschoner getragen. Außerdem gilt Helmpflicht. Die Farbe des Helmüberzugs kennzeichnet das Team; befindet sich darauf ein fünfzackiger Stern, handelt es sich dabei um die Jammer*in.

Die halbe Stunde Wartezeit zwischen Einlass und Spielbeginn lässt sich in der Salzburger Halle perfekt überbrücken: Hier gibt es nicht nur ein klassisches Buffet mit Snacks und Kuchen (und sogar Glühwein), sondern auch einen eigenen Merchandise-Stand. Dort werden mit dem Team-Logo (Nashorn) bedruckte Textilien angeboten – vom Second-Hand-Shirt über das Stoffsackerl bis hin zu Hosenträgern und Unterhosen.

Ursprünglich kommt Roller Derby aus den USA und machte dort eine Entwicklung vom einfachen Rundenfahren hin zum spektakulären Vollkontaktsport durch, der tausende Zuschauer*innen in die Stadien lockte und von Profis ausgeübt wurde. Ähnlich wie im Wrestling wurden auch abgesprochene Aktionen und Handgemenge vorgeführt. Der Zerfall in viele konkurrierende Verbände führte dazu, dass der Sport in den 70ern wieder verschwand. Zu einem Revival kam es Ende der 90er. Roller Derby wird jetzt (im Gegensatz zu früher) von Frauen dominiert und ist nicht mehr nur Sport, sondern politisches Statement. Sexismus und Körpernormen werden abgelehnt, man orientiert sich an feministischen Ideen.

Trotzdem kommt das Show-Element aus früheren Tagen auch heute nicht zu kurz. Vor dem first whistle werden die Spieler*innen vorgestellt – jede einzelne darf sich ihren eigenen Applaus abholen, während das Team seine Runden dreht. Angetreten wird unter kreativen Kampfnamen: Für die Rhinos starten beispielsweise Koma Kathi, Ruthless Ruby, Cruel Juel und Killa Chinchilla; ihre polnischen Gegner*innen sind unter anderem Mary-go-round und Blondie Thunder. Auch die Schiedsrichter*innen und NSOs (non-skating officials) sind davon nicht ausgenommen: Es pfeifen unter anderem Wonder Zebra und Captain Robvious. Einige Spieler*innen tragen auch Kriegsbemalung.

Blaue Flecken sind Standard, in Extremfällen reißt auch mal das Kreuzband.

Schließlich erfolgt der Anpfiff. Die Partie geht ein bisschen verhalten los, der unbedarfte Zuschauer mag sich vielleicht denken: Wozu die ganze Schutzausrüstung, passiert doch gar nix?! Aber falsch gedacht: Nach 2-3 Aufwärmrunden kämpfen (!) die Spieler*innen wie beim Rugby um jeden Meter und wollen ihre Gegner*innen mit allen (erlaubten) Mitteln aufhalten. Schnell wird klar, dass es bei diesem Sport neben Fahrkönnen, Wendigkeit und Kraft auch eine gewisse Schmerztoleranz braucht. Blaue Flecken sind Standard, in Extremfällen reißt auch mal das Kreuzband. Aber wie heißt es so schön: No risk, no fun!

Gespielt werden zweimal 30 Minuten, in denen jeweils so viele jams wie möglich gefahren werden, wobei ein jam maximal zwei Minuten dauert. Der Beginn eines jams wird mittels Pfiff angekündigt, bei dem alle Spieler*innen gleichzeitig starten – die Jammer*innen hinter den Blocker*innen. Die erste Jammer*in, die sich durch das pack gekämpft hat, ist lead jammer. Beide Jammer*innen können ab dem zweiten Durchlauf durch Überrunden der Gegner*innen so lange Punkte sammeln, bis die zwei Minuten abgelaufen sind oder bis die Lead Jammer*in  entscheidet, den jam abzubrechen. Für jede regulär überrundete gegnerische Blocker*in  gibt es einen Punkt.

Nach jedem jam wird eine halbe Minute pausiert, damit Spieler*innen ausgetauscht werden können. Üblicherweise werden ähnlich wie beim American Football alle Spieler*innen ausgewechselt, denn Roller Derby geht ganz schön an die Substanz. Die kurzen Pausen werden auch von der eingangs erwähnten jungen Frau  genutzt: Bei den gelben Streifen auf ihrer Hose handelt es sich um Klebeband, mit dem sie die Bahnmarkierungen ausbessert. Und auch für das Publikum, das jeden Check und jedes Ausweichmanöver mit Applaus belohnt, sind diese Verschnaufpausen dringend notwendig.

Die Salzburger*innen machen ihre Sache an diesem Tag gut. Nach wenigen jams ist klar, dass sie heute gewinnen werden. Am Schluss wird es sogar ein klarer 261:61 Sieg für die Rhinos. Aber so wild es auf dem track auch zugehen mag, gefeiert wird danach gemeinsam.

SBG KNOCKouts Roller Derby Salzburg
Gegründet 2018
Fresh Meat Day: TBA

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