Die Festung der Eliten

 

Akademiker_innenkinder werden Akademiker_innen und Arbeiter_innenkinder werden Arbeiter_innen – so war das früher. Ist es noch immer so? Von Hedwig Obenhuber


Bei der letzten Sitzung der Arbeitsgruppe zur Qualitätsentwicklung (einem Gremium, das dem Vizerektor für Lehre beratend zur Seite stehen soll) wurden die letzten Ergebnisse der Studierendensozialerhebung besprochen. Dabei stellte sich heraus, dass die Uni Salzburg bezüglich sozialer Durchmischung weitgehend im österreichischen Durchschnitt liegt. Im Zuge dessen klopften sich die Anwesenden auf die Schulter und sahen dies als Bestätigung, nicht mehr allzu viel ändern zu müssen. Dass die Erhebung aber auch auf deutliche Missstände hinwies, wurde nicht weiter beachtet. Wenn wir von Studierendenseite anmerkten, was noch verbessert werden sollte, wurden wir teilweise sogar recht harsch zurückgewiesen.

Die soziale Herkunft der Studierenden scheint auf den ersten Blick relativ ausgewogen – gleich viele Studierende kommen aus „niedrigen“ (17%) wie aus „höheren Schichten“ (18%). Dabei ist allerdings nicht deren Verteilung in der Gesamtbevölkerung einbezogen, wo „niedrige Schichten“ 14 Prozent und „höhere“ 10 Prozent ausmachen.[1]

Akademiker_innenkinder
Arbeiter_innenkinder
Chancengleichheit (?)

Die Wahrscheinlichkeit eines Studiums ist für Akademiker_innenkinder momentan 2,4 mal so hoch wie für Kinder „bildungsferner“ Schichten. Diese Zahl dürfte in Zukunft noch steigen.[2] Die 25- bis 64-jährigen in Österreich haben zu 19,1 Prozent einen Pflichtschulabschluss, zu 49,8 Prozent eine Ausbildung ohne Hochschulzugangsberechtigung, 17,5 Prozent eine Hochschulzugangsberechtigung und nur 13,6 Prozent einen Hochschulabschluss. Die Studierendensozialerhebung fragte nach der höchsten abgeschlossenen Ausbildung der Eltern, wonach in Salzburg 6 Prozent einen Pflichtschulabschluss, 39 Prozent eine Ausbildung ohne Hochschulzugangsberechtigung, 26 Prozent eine Hochschulzugangsberechtigung und 29 Prozent einen Hochschulabschluss vorweisen (bundesweit liegt die Gewichtung noch stärker bei besser gebildeten Eltern). So wird besonders deutlich, dass Kinder von weniger gut ausgebildeten Eltern an der Uni deutlich schlechtere Chancen als Akademiker_innenkinder haben.[3]

Zuletzt promovierten zehnmal so viele Akademiker_innenkinder wie Arbeiter_innenkinder; während 10 Prozent der studierenden Akademiker_innenkinder ein Doktorat abschlossen, war es bei studierenden Arbeiter_innenkindern nur 1 Prozent.

Der Unterschied wird noch größer, wenn mit einberechnet wird, dass die Zahl der Eltern ohne Hochschulabschluss fünfmal so hoch ist, als derer mit. Ähnlich wie in der oben beschriebenen Arbeitsgruppe scheint es in ganz Österreich zu laufen, wenn die soziale Durchmischung an Hochschulen betrachtet wird. Im europäischen Vergleich schneidet Österreich also gar nicht so schlecht ab und davon ausgehend, dass durchschnittlich absolut ausreichend ist, können wir folglich eine Verschlechterung auch noch verschmerzen. Oder?

Eine Studie der Arbeiterkammer verglich die Fächer Medizin, Psychologie, Publizistik und Biologie vor und nach der Einführung von Zugangsbeschränkungen. Dabei zeigte sich das, was die ÖH schon lange voraussagt: Kinder von Akademiker_innen profitieren von Zugangsbeschränkungen, während Kinder aus „bildungsfernen“ Schichten nicht einmal mehr die Hälfte der Studierenden ausmachen. Der Anteil der Akademiker_innenkinder ist in diesen Fächern teilweise sogar über 10 Prozent gestiegen.[4]

Für Kinder ohne „akademischen Hintergrund“ ist die Hochschulwelt noch immer eine uneinnehmbare Festung.

Diese Chancenungleichheit zeigt sich schon ganz unten im Bildungssystem. Bereits in der Volksschule haben jene Kinder einen Vorteil, von denen die Lehrer_innen denken, dass sie gebildete Eltern haben. Denn bekanntlich sind gebildete Eltern ein wichtiger Faktor, um in der Schule erfolgreich zu sein und dem System der selffulfilling prophecy folgend werden diese Kinder mehr gefördert und schreiben unter anderem deshalb bessere Noten. Zahlreiche Studien belegen, dass schon erhöhte Erwartungen zu größerem Bildungserfolg führen können. Eine deutsche Studie fand drei relevante Faktoren, die den Bildungsweg maßgeblich mitbestimmen: Geld, Selbstvertrauen und Förderung. Auch wenn man es schon auf die Uni geschafft hat, ist trotzdem nicht die letzte Hürde genommen. Besonders die Rolle des Selbstvertrauens ist vielen nicht bewusst.

Kinder, die nicht mit einem akademischen Selbstverständnis aufgewachsen sind, tun sich deutlich schwerer, vom eigenen Erfolg auszugehen und nicht von vornherein Misstrauen gegenüber den eigenen Fähigkeiten zu haben. Doch in einer Hochschule, die immer härtere Zugangsbeschränkungen aufbaut und den Konkurrenzdruck zwischen den Studierenden massiv erhöht, braucht es mehr als nur das Interesse am Fach.

Für Kinder ohne „akademischen Hintergrund“ ist die Hochschulwelt noch immer eine uneinnehmbare Festung. Nur wenige schaffen es, ihre Mauern zu überwinden, die meisten scheitern schon lange vorher. Was es braucht, ist ein System, das Kinder nicht nach ihrer Herkunft bewertet und dementsprechend einteilt. Vereinzelte Erfolgsgeschichten von BildungsaufsteigerInnen dürfen nicht darüber hinwegtäuschen, dass unser Bildungssystem Kinder aus der sogenannten Unterschicht grob benachteiligt. Alle müssen die gleichen Chancen auf Bildung haben.


[1] Österreich – ein Blick auf Erwachsene, Kinder und Jugendliche sowie (Mehrfach-) Ausgrenzungsfälle: http:// tinyurl.com/lebensbedingungen
[2] Studierenden-Sozialerhebung: http://tinyurl.com/ sozialerhebung2015
[3] Statistik Austria, Bildungsstand der Bevölkerung. http://tinyurl.com/bildungsstand
[4] Der Standard, Unis: weniger Arbeiterkinder nach Beschränkungen. http:// tinyurl.com/weniger-arbeiterkinder

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