Die Ahnungslosen

Rektor Schmidinger hat im Juni 2018 mit Mikis Theodorakis eine Person geehrt, die in der Vergangenheit durch antisemitische Aussagen aufgefallen ist. Mit einer einfachen Internet-Recherche hätte das vermieden werden können. Ein Update von Christoph Würflinger

Mikis Theodorakis wurde am heurigen Tag der Universität (6. Juni 2018) für seine “herausragenden künstlerischen und politischen Leistungen entlang der Verbindungs- und Kooperationslinien ‘Zeitlose Musik und transnationaler Widerstand – Kampf für die Menschenrechte – Politische Bildung’“ mit dem Ehrendoktorat der Universität Salzburg ausgezeichnet. Sein durchaus ehrwürdiger Lebenslauf ist seit den antisemitischen Aussagen, die er in jüngerer Vergangenheit (2003 und 2011) getätigt hat, schwer beschädigt. In der merkwürdigen, von Verschwörungstheorien geprägten Gedankenwelt von Mikis Theodorakis sind “die Juden” gewalttätig, fanatisch und die Wurzel des Übels, sie kontrollieren Banken und Medien, stehen hinter der Weltwirtschaftskrise und so weiter.

Diese antisemitischen Ausfälle haben 2011 dazu geführt, dass Theodorakis’ weltberühmte Mauthausen-Kantate nicht bei der Gedenkveranstaltung im österreichischen Parlament aufgeführt wurde. Nach Protesten der Israelitischen Kultusgemeinde ließ die damalige Nationalratspräsidentin Barbara Prammer kurzfristig das Programm ändern. Später distanzierte sich Theodorakis von seinen Aussagen. Sie seien ein Fehler gewesen, der ihm während eines langen Interviews unterlaufen sei.

Schon eine kurze Online-Recherche hätte ergeben, dass man sich dieses Ehrendoktorat lieber zweimal überlegen sollte.

Doch wie kommt es eigentlich dazu, dass ausgerechnet die Universität Salzburg, die noch vor wenigen Jahren in einer vorbildhaften Aktion die Ehrungen von Nationalsozialisten widerrufen hat, einen Antisemiten ehrt? Schon die Lektüre des Wikipedia-Eintrags oder eine kurze Online-Recherche  hätten ergeben, dass man sich dieses Ehrendoktorat lieber zweimal überlegen sollte (Tipp für zukünftige Ehrungen: Suchbegriff “[Name] Kritik” bei der Suchmaschine Ihrer Wahl eingeben).

Dazu sollte man wissen: An einer Ehrung sind mehrere Stellen beteiligt. Üblicherweise geschieht das auf Initiative eines Fachbereichsmitglieds. In einer Sitzung des Fachbereichsrats wird diskutiert, ob man die vorgeschlagene Person ehren soll oder nicht; danach wird abgestimmt. Zumeist gleichen diese Abstimmungen eher einem Durchwinken – die mehrstündigen Sitzungen laden nicht dazu ein, sich allzu lange bei solchen Details aufzuhalten und die Person genau zu durchleuchten. In diesem Fall waren das die Fachbereiche Erziehungswissenschaft, Politikwissenschaft sowie Kunst-, Musik- und Tanzwissenschaft. Die nächste Station ist der Fakultätsrat, für den Ähnliches gilt: Ist die zu ehrende Person nicht auf den ersten Blick verdächtig, wird sie weitergereicht. Auch im Rektorat und im Senat, in dem die Ehrung schließlich beschlossen wurde, hat sich offensichtlich niemand die Mühe gemacht, auch nur zu googlen, was denn Mikis Theodorakis in den letzten 20 Jahren so getrieben hat – auch nicht, das sei zur Ehrenrettung der Lehrenden ganz selbstkritisch gesagt, die studentischen Senatsmitglieder.

Nun stellt sich die Frage, wie denn die Universität mit dieser Sache umgehen soll. Aberkannt werden könne eine solche Ehrung nur mehr in bestimmten Fällen, erklärt uns Rudolf Mosler, Professor am Fachbereich Arbeits- und Wirtschaftsrecht und ehemaliger Senatsvorsitzender: “Eine Ehrung kann nur widerrufen werden, wenn sie erschlichen worden ist oder sich der Geehrte durch späteres Verhalten als unwürdig erweist.” Dass – wie im Fall Theodorakis – unwürdiges Verhalten erst nach der Ehrung bekannt wird, ist in der Satzung des Senats nicht vorgesehen.

Dass unwürdiges Verhalten erst nach der Ehrung bekannt wird, ist in der Satzung des Senats nicht vorgesehen.

Doch selbst wenn eine Aberkennung möglich wäre, würde eine solche laut Mosler einen irreparablen Imageschaden für die Universität bedeuten. Er verweist auf die Aberkennung der Ehrungen von Personen mit nationalsozialistischer Vergangenheit, von denen insbesondere der Fall des berühmten Verhaltensforschers und Nobelpreisträgers Konrad Lorenz für negative Medienberichte sorgte.

Reinhard Heinisch, Professor am Fachbereich Politikwissenschaft, meint ebenso wie Rudolf Mosler, dass die Ehrung – mit dem Wissen um Theodorakis’ antisemitische Aussagen – im Senat “breiter diskutiert” werden hätte sollen. Beide können aus dieser Erfahrung heraus dem Vorschlag, eine Art Qualitätskontrolle für Ehrungen einzuführen, einiges abgewinnen. Einig sind sich beide aber auch darin, dass eine Aberkennung nicht in Frage kommt. Heinisch würde sich sogar wieder für diese Ehrung einsetzen, weil Theodorakis’ Gesamtwerk und -schaffen durch die Aussagen in seiner späteren Lebensphase nicht geschmälert würden.

Theodorakis‘ Aussagen wären von niemandem gehört worden, wenn er nicht aufgrund seiner Musik einen Bekanntheitsgrad gehabt hätte.

Dem widerspricht Helga Embacher, Zeithistorikerin am Fachbereich Geschichte und als solche Expertin für Antisemitismus, entschieden: “Theodorakis’ Aussagen wären von niemandem gehört worden, wenn er nicht aufgrund seiner Musik einen Bekanntheitsgrad gehabt hätte, und das war ihm durchaus bewusst. Das heißt, er nutzte seinen Ruf als Musiker, um damit Politik zu betreiben.” Dass antisemitische Aussagen von Theodorakis – einer ehemaligen Ikone der Linken – kommen, ist wenig überraschend, denn Antizionismus, also die Ablehnung des Staates Israel, mutiert immer wieder zu Antisemitismus.

Alexander Schlair vom ÖH-Vorsitzteam sagt dazu: “Dass ausgerechnet im Gedenkjahr 2018 ein Antisemit geehrt wird, ist untragbar. Antisemitismus ist eine rote Linie.” Den Hinweis auf Theodorakis’ künstlerische Leistungen lässt er nicht gelten: “Mit diesem Argument könnte man sich sogar die aberkannten Ehrungen von Nationalsozialisten schönreden.” Jetzt seien alle beteiligten Stellen gefordert, den Fehler offen anzusprechen und zu korrigieren.

Rektor Schmidinger möchte von alldem nichts wissen. Seine Stellungnahme soll deshalb hier in voller Länge wiedergegeben werden:

“Mir waren und sind derartige Aussagen von Mikis Theodorakis nicht bekannt. Sie sind offensichtlich auch im Rektorat und Senat nicht bekannt, sonst wären sie sicherlich zur Sprache gekommen. Nicht einmal aus den Medien, die schon bei der Ankündigung der Verleihung des Ehrendoktorats an Herrn Theodorakis, erst recht bei der Verleihung selbst zahlreich und umfangreich, national und international, berichtet haben, gab es einen derartigen Hinweis. Dieser wäre ganz sicherlich erfolgt, wenn es dazu Anlass gegeben hätte. Mehr kann ich dazu nicht sagen.”

Die angesprochene Schaffung einer Prüfinstanz, die eine zu ehrende Person gründlich durchleuchtet, wäre bestimmt eine geeignete Maßnahme, um solche Fehlentscheidungen in Zukunft zu verhindern. Eine Ehrung im Nachhinein rückgängig zu machen, scheitert zum Einen an Formalitäten, zum Anderen auch am fehlenden Willen. Offensichtlich traut sich die Universitätsführung nicht, ehrlich zu sagen: Ja, wir haben einen Fehler gemacht, wir werden ihn korrigieren.

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