Das große Zamputzen

Das große Zamputzen

Von Esther Baumgartner


Die Stadt, in der ich lebe, ist sauber. Und doch voller Scheiße. Das Dorf, in dem ich aufwuchs, ein Klecks auf der Landkarte, ein richtiges Naturidyll. Auch da ist viel Kot.

In beiden Fällen spreche ich nicht von den gigantischen Abwassersystemen, die unsere Kacke unterirdisch verschlingen. Wenn man nämlich genauer hinsieht, wird man zur Feststellung verleitet, dass die menschliche Kultur auf einem saftigen Fundament aus Scheiße fußt. Kacke ist das finale Produkt von verbrauchter Materie. Und wir Menschen müssen Materie verbrauchen, um zu leben. WIR umgeben uns gerne mit Scheiße. Wenn sie persönlich mal ausbleibt, verfallen wir in Panik und wenn sich die Konsistenz ein bisserl von der Gewohnheit entfernt, wissen wir, dass etwas wohl nicht stimmen kann. Jenseits der eigenen vier Mauern verdrängen wir sie aber auch gerne, weil der Scheißdreck der Anderen geht uns ja wirklich nichts an! Vielen ist es noch nicht bewusst, aber Scheiße passiert nicht nur, sondern umgibt uns in vielen verschiedenen Formen.

Der Heilige Augustinus sagte einst: „Zwischen Kot und Urin werden wir geboren“. Der Hinweis auf die lebenslange Auseinandersetzung mit Exkrementen fehlt aber in dieser Binsenweisheit.

Nun, auch wenn’s unsauber wirkt, so macht sich die Beschäftigung mit der dunklen Materie aber durchaus bezahlt! Es kommt dabei nicht nur auf ein geschultes Auge und ein feines Näschen, sondern auch auf die richtigen Fragen an. Was haben die sauber beschissene Stadt und das idyllisch zugekotete Dorf gemeinsam?

Es gibt dort gewisse Häuser. Sie sind groß, pompös und sind in Menschenansiedlungen meist ziemlich zentral platziert. Das besondere an ihnen: Sie haben keine Klos. Ganz allgemein spricht man von solch einem Gebäude als „Haus des VATERS“. Auch wenn es dort keine Toiletten gibt, macht die Scheiße auch vor diesen Prunkbauten nicht halt. Man könnte andachtsvoll von „Kothäusern“ sprechen, weil der Umstand, dass es dort stinkt, ohne dort duftende Kackkrapfen vorzufinden, ist ein kleines Mysterium an sich.

Was geschieht aber in so einem Kothaus? Man trifft sich dort regelmäßig, singt Lieder oder geht auch ganz alleine hin und geht in sich. Getroffen habe ich meinen Vater trotzdem dort noch nie. Bewirtschaftet werden diese Bauten von Männern in Schwarz, die angeben, einiges über meinen VATER zu wissen. Sie behaupten, dass die Gemeinschaft der Kothäuser eine große Familie sei.

Zugegebenermaßen, es hat schon was familiäres, wenn man dieses Gebäude betritt. Zum Beispiel finden sich dort überall Bilder und Skulpturen von meinem BRUDER. Der war ein außergewöhnlicher Mann und hat sich – so sagen die Männer in Schwarz – für uns geopfert, als der Menschheit die Scheiße bis zum Hals stand. Als Dank dafür hängen in den Kothäusern überall Artefakte der Erinnerungen daran, wie sehr mein Bruder gelitten hat, als er sich für uns lynchen ließ. Ich glaube, viele Menschen haben deswegen einen guten Draht zu ihm… Und irgendwie tut es ja auch gut mit ihm zu reden, schließlich ist die Welt ja ab und zu ein etwas verrückter Ort. Und so wie in kleinen Familien auch, ist es wohl einfacher, sich zuerst dem großen, starken Bruder zu öffnen, als dass man sofort vor den VATER tritt.

Ja, wir sind schon eine relativ komplizierte Großfamilie in diesen Häusern ohne Klo. Dabei vergaß ich jetzt fast, von meiner MUTTER zu sprechen! Ihr großes Werk war es, meinen Bruder zu gebären. Das große Kunststück dabei: Sie war Jungfrau.

Glaubt man der Bildsprache in den Kothäusern, so hat eine Frau einiges zu erfüllen: Sie soll sauber, ohne Fleckchen sein und möglichst asexuell rüberkommen. Das Gebären bleibt selbstverständlich die Superkraft Nummer Eins. Bonuspunkte gibt’s noch dazu, wenn man dabei brav und unschuldig lächelt, während sich ein flammendes Schwert durch das eigene Herz bohrt.

Bei all diesem komplizierten Verwandtschaftsbusiness in diesen Jauchebauten fällt einem die zarte Kacknote vorerst gar nicht auf. Nun stellt sich aber die Frage: Wer hat sich hier so ungeniert erleichtert? War es jemand von uns? Passiert so etwas in einer gesunden Familie?

Mein Verdacht fällt jetzt auf jemand grundsätzlich ANDEREN… Die Männer in Schwarz sagen, dieser ANDERE wohne nicht in den Kothäusern, aber man solle sich vor diesem höllischen Nachbarn in Acht nehmen. War ER vielleicht doch zu Besuch und hinterließ SEIN kotkräftiges Werk?

Die Rede ist vom „Gehörnten“. Ich für meinen Teil habe auch IHN noch nicht gesehen, aber Hörner empfinde ich jetzt nicht unbedingt als ultra-böse Attribute. Ziegen zum Beispiel, die sind ganz lieb. Sie stinken zwar ein bisschen, aber sie sind mir in etwa achtzig Prozent aller Fälle relativ gutmütig begegnet. Aber zurück zum würzigen Kack-Aroma im Haus des VATERS.

Der Volksmund sagt, dass Gold des Teufels Kot sei. Das klingt recht plausibel, immerhin schlagen wir uns wegen dieses Edelmetalls seit ein paar tausend Jährchen gegenseitig die Köpfe ein. So recht der Volksmund auch hat, das Volksauge dürfte aber blind oder zumindest am grauen Star erkrankt sein: Die Häuser meines VATERS sind nämlich regelrecht zugeschissen mit Gold, sind goldig glitzernde Jauchegruben. Und weil sich das Volksauge und der Volksmund so gegenseitig ignorieren, strebt der Volkskopf dieses Scheiß-Ideal immer noch an.

Das ist kein Wunder, immerhin bestaunt man in diesen Häusern goldig vollgekackte Gegenstände. Sogar unser allseits beliebter BRUDER, der da so oft hilflos rumhängt in den Häusern des VATERS, dem lieben BRUDER wurde – bei aller Liebe – von einer frechen Glitzer-Taube kräftig auf den Kopf gekotet. Diese goldig schimmernde Kopfbekackung wird von vielen relativierend als „Schein des Heiligen“ beschrieben. Aber der Schein trügt oft… und der Goldschiss eignet sich wohl besonders gut für einen Widerspruch.

So behaupten in unserer Familie auch viele, dass sie FÜR das Leben – besonders jenes, das noch kommen wird – seien, weil es des VATERS Wille sei. Dabei hat der Volkskopf das LEBEN jener vergessen, die in einem fernen Land jenseits unserer glitzernden Kothäuser die Goldscheiße aus dem Enddarm des Teufels rauskratzen müssen. Die LEBEN auch, müssen aber die Drecksarbeit machen. Im fernen Golddarm bleiben sie aber für uns unsichtbar. Diese Nicht-Sichtbarkeit von so einer Scheiße, während sie mitten unter uns ist, macht wohl ihre größte Gefahr aus.

Vielleicht gerade deswegen wird bei uns dieser Fäkalkult auch auf offener Straße, außerhalb dieser dezent duftenden Häuser praktiziert. Es scheint, dass wir den Umgang mit unserer menschlichen Scheiße gebannt haben und jeder für sich einen privaten Separatfrieden mit ihr geschlossen hat. Aber zu Kot von anderen Lebewesen – wie etwa des Gehörnten, also speziell zum Auswurf von Tieren – da haben wir immer noch ein recht bipolares Verhältnis.

In meinem zugekoteten Dorf zum Beispiel schert man sich da nichts. Im Spätfrühling läutet der Güllegeruch die warme Jahreszeit ein und weckt positive Gefühle. Sommer, Sonne und Scheißeduft! Die Jauche verkündet jedoch nicht nur eine frohe Botschaft: Der Tierkot wird nämlich auch noch produktiv genutzt! Er düngt die Felder und garantiert den Ertrag der nächsten Ernte. Das klingt jetzt schon fast wie eine Chinesische Glückskeksweisheit:

Das Ende birgt den Anfang in sich.

In der sauberen Stadt kommt diese Philosophie allerdings ins Wanken: Im Sommer duftet es dort streng nach Pferdehaufen. Das ist unangenehm, verkündet brütend heiße Betonhitze und düngt auch nicht. Kurz: Die Scheiße ist Abfall. Auch dass die Pferde in der brütenden Hitze zu leiden scheinen, sorgt wohl für den negativen Kot-Beigeschmack.

An Gerüche gewöhnt man sich meist gedankenlos, aber in Kombination mit Bildern fräsen sich Düfte nachhaltig in unsere Gehirnwindungen ein. Man sagt, ein Mann sei in Turin vor langer Zeit verrückt geworden, als er ein armes Droschkenpferd beobachtete. Ob er dabei etwa auch an Scheiße gedacht hat?

Auf dieser Welt geschehen seltsame Dinge: Was für den einzelnen Menschen NICHT normal ist, ist für ein Menschenknäuel oft selbstverständlich. Das verhält sich mit Scheiße nicht anders.

Woher ich das weiß? Es war letzten Sommer, als sich mir der zeitgenössische Kotkult in seiner seltsamen Pracht offenbarte:

Es war an einem abgöttisch heißen Tag in einer der saubersten Gassen der Stadt, als sich zwei Pferde zeigten. Ein Meer an Passanten zwängte sich an diesem hektischen Tag durch die Stadt, während die Pferde gerade dabei waren, in einer Kutsche Menschen herumzuzerren. Angetrieben wurden die Viecherl von einem Führer, der dämlich grinsend und in plastikhafter Freundlichkeit seine Peitsche auf die Pferdchen niederrasseln ließ. Die Gäste der Kutsche: Eine siebenköpfige Touristenfamilie. Ihr in der Sonne glitzerndes Arm- und Halsgold auf ihren dunklen Häuten ließ auf einen besonderen Rang in einem fernen, heißen und reichen Land schließen. Sie muteten recht adelig lustlos an, während der Grinseführer ihnen augenscheinliche SehensWÜRDigkeiten zu erklären versuchte. Auch er sprach viel von den Kothäusern meiner Stadt. Die Prinzenfamilie ließ sich jedoch weder von dem Kauderwelsch beeindrucken, noch schien sie das Geschehen jenseits der wippenden Kutschenkiste zu interessieren. Während sie so gemächlich durch die Gasse rumpelten, streichelten sie gelangweilt über ihre mit Swarovsky-Kristallen besetzten Kommunikationsapparate. Um wohl der Langeweile entkommen zu können, haben sie womöglich verzweifelt nach einem Live-Stream zu einer Köpfung, oder zumindest einer Steinigung in ihrem Heimatland gesucht.

Die sich abplagenden Pferde, der Kukident-grinsende Ur-Kutschermeister und seine gleichgültigen Gäste vermittelten so einen recht tristen Eindruck. Aber zur Kutsche gehört noch mehr: Der glücklichste Mensch in diesem Gespann, der war selbst nicht Teil der Kutsche. Ein Bursche radelte fröhlich mit einem zufriedenen Lächeln seinem Dienstgeber und dessen Kunden nach. Er war noch recht jung, aber in seinen Augen sah man, dass er gewillt war, die tiefsten und weitesten Ozeane zu überwinden, sollte es das Leben nur verlangen. Aber im Moment genügte ihm dieser Tag, er hatte vorerst eine Bestimmung – seinen Platz in dieser Stadt – gefunden.

Plötzlich stoppten die Pferde inmitten dieser sauberen Gasse. Als die Kutsche mit einem Ruck zum Stillstand kam, verdrehte der Kutschenführer kurz die Augen und begann, hektisch an seinem Zahnpflegekaugummi zu nagen. Für diesen Moment hatte er keine Worte für seine zahlkräftigen Gäste parat. Die goldbehangenen Spaßbremsen nahmen aber ohnehin vom Kistenstopp keine Notiz – der Livestream war wohl spannender.

Die Augen des jungen Burschen im nachfahrenden Beiwagerl weiteten sich jedoch: Gleich würde sein Moment kommen! Und tatsächlich schlug jetzt seine große Stunde:

Die Zugtiere atmeten tief aus und ließen genüsslich Pferdeäpfel auf die Pflastersteine niederprasseln. Der Menschenstrom nahm währenddessen Fahrt auf, denn ein scharfer Geruch verbreitete sich unverschämt schnell.

Die Peitsche schnalzte einmal kräftig, als sich die hart arbeitenden Zugtiere fertig entleert hatten und die Kiste nahm wieder Fahrt auf. Der junge Bursche fuhr zum beschissenen Ort vor, blieb stehen und begann glücklich seine Arbeit: Er kratzte mit seiner Schaufel die Scheiße weg. Dabei pfiff er ein lustiges Lied und packte die gesammelten Früchte seiner Arbeit in die Anhängevorrichtung seines Fahrrades. Als er damit fertig war, setzte er sich wieder gewandt auf sein Fahrrad und blickte mit einem Lächeln auf dem Gesicht durch die Gasse. Als er sich wieder in Bewegung setzte, rammte er zum Start die Schaufel kräftig in den Boden und das Menschenmeer teilte sich wie von Zauberhand zu seiner Rechten und seiner Linken. Der Inhalt seines Fahrradbehälters flößte der Menge wohl Respekt ein. Ungehindert konnte er so seiner Bestimmung – der Kutsche – nachradeln. Bei aller Eifrigkeit war der Bursche in seiner Verrichtung jedoch nicht gründlich genug gewesen:

Ein Pferdeapfel blieb zurück. Er war etwas abseits der anderen Bällchen gekugelt. Niemand interessierte sich dafür und so mancher unachtsame Tritt hätte darauf landen können. Aber es wollte einfach nicht passieren.

Als ich so dastand und den Apfel inmitten des rasenden Menschenstroms betrachtete, betrat plötzlich ein etwas seltsamer Mann die Szene… Mit stahlblauen Augen, langem grauschwarz, gekraustem Haar kam er daher. Und dazu trug er einen Vollbart, der jeden gefakten Holzfäller-Typen vor Neid erblassen lassen und in einer Schockstarre den eigenen Bart von sich abfallen lassen würde. Er hatte nur eine blauweiß gestreifte Badehose an und seine bronzefarbene Haut glänzte ölig in der Mittagssonne.

Dieser sonderbar vom Leben gezeichnete Mann ging zielstrebig auf das übriggebliebene, äußert dezent riechende Pferdekotstück zu. Als er angekommen war, blieb er vor seinem Ziel stehen, schloss die Augen und sog den Duft begierig in seine Nasenlöcher ein. Dann ging er kurz in die Hocke und musterte den Pferdeapfel etwas genauer. Plötzlich hob er das Exkrement behutsam mit einer Hand auf, erhob sich und reckte den Kotballen stolz zum Himmel hinauf. Als im Menschenmeer einige Passanten nun stoppten und ihn ungläubig anstarrten, holte er – so als ob er nur darauf gewartet hatte – kurz tief Luft und sprach:

„Ich glaube an unseren Geist

die Kraft von Wünschen und Ideen,

an die empathische Weltgemeinschaft

und ich glaube auch an mich, als ihr eingeborenes Kind.

Ich glaube an das Lernen von Fehlern

und das Lernen in Freude,

an die Ewigkeit der Liebe

und die Vergänglichkeit von Ängsten.

Das Leben bewahre uns

vor den Kreisen der Verzweiflung,

die uns zum Hass gegen uns selbst

und auch andere verleiten,

und das Leben führe uns

zum fortschreitenden Lernen,

zur Stärkung der Sinne

und zur richtigen Tat

zur rechten Zeit.

Amen.“

Nach den letzten Worten nahm er einen kräftigen Bissen vom saftigen Pferdeapfel, kaute genüsslich zweimal darauf herum und begann, mit vollem Mund zu laufen. Er tauchte schnell im Menschenmeer unter. Dabei ließ er mich und die umstehenden Menschen, die das Geschehen beobachtet hatten, mit offenen Mündern zurück. So einen Scheiß hat wohl noch niemand erlebt.

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