Back to the Future, please!

Back to the Future!
Paul Nigh’s ‚TeamTimeCar.com‘ Back to the Future DeLorean Time Machine

2017. Ginge es nach Doctor Emmett Brown würden wir im Jahr 2017 längst mit fliegenden Untersetzern die Troposphäre unsicher machen, selbstschnürende Schuhe tragen und nach einem langen Unitag unser Hoverboard in der Garage parken. Tatsächlich kriegen wir im Jahr 2017 aber teilweise noch nicht mal die banalsten und selbstverständlichsten Dinge gebacken (Stichwort: Toleranz und Gleichberechtigung), was den Verdacht aufkommen lässt, dass wir noch lange nicht in der Zukunft angekommen sind – vielmehr fühlt man sich an so manchem Tag und während so mancher anti-feministisch angehauchten Diskussion schlagartig ins tiefste Mittelalter zurückversetzt, wenn darüber debattiert wird, was Frauen angeblich (nicht) dürfen, können, sollen und müssen.

Ein Gedankenmosaik von Sandra Grübler


Doc, der Flux-Kompensator ist hinüber!

Frauen in Führungspositionen? Selten. Gender Pay Gap? Gigantisch. Weiblichkeit? Klar definiert. Toleranz gegenüber individuellen Lebensentwürfen? Verschwindend gering. In welcher Zukunft sind wir da gelandet?, fragt man sich und hofft, bloß den falschen Spielfilm eingelegt zu haben.

Brutpflegetrieb und Karrieregeilheit:
Was Frau auch macht, sie macht es falsch.

Kinder, Karriere und Klischees

Bei einem Gespräch mit der Lehrerin, die mich während meines Schulpraktikums betreut, wird das Thema Lernmotivation angesprochen. An und für sich nicht ungewöhnlich, ist Motivation doch ein essentieller Faktor für das Lernen und damit für das Gelingen von Unterricht – doch lässt mir das, was mir erzählt wird, die Haare zu Berge stehen. Da viele Schülerinnen in den letzten Jahren vermehrt auffällig wenig Engagement und schlechte Leistungen zeigten, wurde an der Schule eine Umfrage durchgeführt, in der die Schülerinnen nach ihren Zukunftsplänen und -wünschen befragt wurden und über das Ergebnis – so meine Betreuungslehrerin – wurde nicht schlecht gestaunt. Ungemein viele gaben nämlich an, keine anderen Pläne zu haben, als Hausfrau und Mutter zu werden. Weitere (Aus-)Bildung schlossen viele der befragten Mädchen für sich von vornherein aus, die eigenen schulischen Leistungen tangierten sie deshalb auch nur peripher. Sowohl für ein Heim als auch für eine Familie zu sorgen, sind schöne und auch wirklich anspruchsvolle Aufgaben – doch als Studentin und leidenschaftliches Arbeitstier haben mich die Angaben der jungen Schülerinnen zugegebenermaßen wirklich kalt erwischt, träumte ich in ihrem Alter ganz nach dem Motto DREAM BIG! von einem All-inclusive-Karrierepaket als Starautorin, Gerichtsmedizinerin und Bass-Gitarre spielende Motorradrennfahrerin (Plan B: Meeresbiologin mit Pilotenschein und mittelgroßer Pferderanch). Während das Recht der Frau, zu arbeiten, über viele Jahre erkämpft wurde, findet nun – zumindest hat es in dem Fall so den Anschein – eine Kehrtwende statt: vom Öffentlichen wieder ins Private, vom Arbeitsplatz zurück ins Haus. Reversed Revolution. Und so sehr mich dieser Wunsch erstaunt und ein klein wenig befremdet, ist er natürlich vollkommen legitim und in Ordnung.

Ebenso in Ordnung, wie der Wunsch, Karriere zu machen und/oder auf Kinder zu verzichten. Auch für diese Entscheidung sollte man sich im Jahr 2017 nicht gefühlt 274 Mal täglich rechtfertigen müssen. Tatsächlich scheint eine Frau, die das Mutter-Dasein ablehnt, für viele jedoch den Anfang vom Ende zu bedeuten; und natürlich wird die befürchtete Apokalypse eingeläutet mit dem bösen F-Wort. Feminismus. Grrrrr.

„Alles, was individuell ist, ist fast schon skandalös.“

Simone de Beauvoir

So viele Befürworter und Unterstützer die weibliche Revolution nämlich hat, so viele Gegner hat sie auch. Das Wort Feministin wird nach wie vor – von VertreterInnen beider Geschlechter – als Schimpfwort ge-/missbraucht (auch wenn es 2016 vom Gutmenschen vom Stockerlplatz geschubst wurde) und generell und überhaupt scheinen in Punkto Frau-Sein und Weiblichkeit in so manchen Köpfen ganz klare Vorstellungen zu herrschen:

 

 „Der vom Thron des Familienoberhaupts gestoßene Mann sehnt sich unverändert nach einer Partnerin, die, trotz hipper den-Mädels-gehört-die Welt-Journale, in häuslichen Kategorien zu denken imstande ist, deren Brutpflegetrieb auferlegte Selbstverwirklichungsambitionen überragt. Die von feministischem Dekonstruktionsehrgeiz zur selbstverwirklichungsverpflichteten Geburtsscheinmutter umdefinierte Frau sehnt sich unverändert nach einem ganzen Kerl, der ihr alle die emotionalen und ökonomischen Sicherheiten gibt, die eine junge Mutter braucht, um sich mit weitgehend sorgloser Hingabe dem Nachwuchs zuwenden zu können.“

Quelle: FPÖ: „Für ein freies Österreich. Souveränität als Zukunftsmodell“ [https://www.fpoe.at/fileadmin/user_upload/Souveraenitaet_als_Zukunftsmodell.pdf]

 

Eine Frau, die auf Karriere verzichtet, schöpft ihr Potenzial nicht aus. Eine Frau, die Karriere macht und dafür vielleicht sogar auf die Mutterschaft verzichtet, ist eine feministische Emanze mit Dekonstruktionsehrgeiz (was für eine Wortschöpfung, liebe FPÖ!). Und eine Frau, die sich dafür entscheidet, sowohl für eine Familie zu sorgen, als auch berufliche Ambitionen zu verfolgen, darf sich nur noch Geburtsscheinmutter oder bestenfalls Rabenmutti schimpfen. Confused? Same here.

Und last but not least: Frauen sehnen sich nach ganzen Kerlen! Jawohl!

 

Zwischen Body- und Slut-Shaming

Lebt eine Frau ihre Sexualität aus, umgibt sie bald eine diffuse Gerüchte-Aura, während man von einer männlichen Dorfmatratze noch nie gehört hat. Sexuelle Belästigung wird in vielen Fällen als Kavaliersdelikt abgetan („Wer sich so anzieht, ist ja darauf aus!“), von dem sich rund 75% aller Frauen betroffen fühlen (eh nur 75%! – Info: www.gewaltinfo.at). Neben das Slut-Shaming reiht sich das nicht minder perverse Body-Shaming – gegründet auf präzisen Vorstellungen, wie sich eine Frau zu verhalten und auszusehen hat. Wird dünnen Frauen – auch von Geschlechtsgenossinnen – erklärt, „nur Hunde würden gerne mit Knochen spielen“, schließlich „müssten echte Frauen Rundungen haben“, wird beleibteren Mädels attestiert, sie würden über kein Sex-Appeal verfügen. Und Frauen mit Muskeln wird mit der Aussage „Du siehst ja aus wie ein Kerl!“ anhand ihres geringen Körperfettanteils gleich ganz ihre Weiblichkeit abgesprochen (gehört ja nicht mehr dazu, ne?). Sowohl Männer als auch Frauen gehen hart mit dem weiblichen – wenn auch selten mit dem eigenen – Körper ins Gericht.

„When men attempt bold gestures,
generally it’s considered romantic.
When women do it,
it’s often considered desperate or psycho.”

Carrie Bradshaw, Sex and the City

Eine Portion Selbstbestimmung, per favore!

Familienfeier. Die Cousine zweiunddreißigsten Grades setzt sich schnaufend auf den Stuhl neben mir, das Kleid spannt über dem nicht mehr zu übersehenden Babybäuchlein. Ich setze an, ihr zu gratulieren, da schießt es aus ihr heraus: „Ich wollte ja eigentlich keines mehr, aber er freut sich so!“. Ich schlucke meine Glückwünsche hinunter, zusammen mit meiner Verwunderung darüber, welch kleine Rolle Eigenverantwortung und Selbstbestimmung im Leben mancher spielen, während ich diese Werte und Privilegien gar nicht hoch genug halten kann.

 

Männlein und Weiblein:
Was sie dürfen, können, sollen, müssen.

War die weibliche Revolution erfolgreich? Unbestritten hat sich in den letzten Jahrzehnten viel getan in Sachen equal rights. Gleichzeitig hat man manchmal das Gefühl, noch einen langen Weg vor sich zu haben, bis zu dem Tag, an dem Frauen jene Rechte in Anspruch nehmen dürfen, die für unsere männlichen Artgenossen schon seit Jahrzehnten selbstverständlich sind. War die weibliche Revolution erfolgreich? Gute Frage. Nächste Frage. Sie ist noch in vollem Gange. Denn was jede Revolution erfordert, ist ein Umdenken. Ein kollektives Umdenken – das in Bezug auf weibliche Lebensführung noch nicht ausreichend stattgefunden hat.

Das 21. Jahrhundert hat mittlerweile seinen 17. Geburtstag gefeiert, befindet sich also in der schlimmsten Phase der Pubertät, in der wohl keiner so ganz genau weiß, was er will. Das Gute: Es hat noch Zeit zu reifen, erwachsen zu werden, Zeit, seinen Generationen die Erkenntnis (frei nach Lessing) zu vermitteln: Kein Mensch muss müssen. Weder Frau noch Mann.

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