„AUSweg. Das wesentliche NEIN“ – ein Plädoyer für das „Nein“.

Angeblich soll „Ja“ das schönste Wort in jeder Sprache sein. Bücher, Essays und sogar Filme beschäftigen sich mit dem kleinen Wörtchen, das Zustimmung signalisiert. Sein Gegenteil – ein „Nein“ – hingegen bekommt weit weniger Aufmerksamkeit. Es gilt als negativ konnotiert. Zum einen existiert in manchen Sprachen und Kulturen ein „Nein“ nicht einmal. Es gibt lediglich ein „nicht-Ja“. Zum anderen wäre ein Film namens „Der Nein-Sager“ wohl auch recht schnell vorbei. Im Gegensatz zum als positiv empfundenen „Ja“ kann ein „Nein“ schnell unhöflich wirken, wenn keine zusätzliche Erklärung abgegeben wird. Besteht beispielsweise ein Autoritätsgefälle zwischen Personen, wird ein „Nein“ schnell als Ungehorsam interpretiert – ein „Ja“ hingegen bedarf keiner Erklärung und würde wohl niemals als unhöflich empfunden werden. Ein gepflegtes „Nein“ ist aber wichtig. Es zwingt einen nicht nur dazu, Position zu beziehen, sondern erfordert etwa in Diskussionen oft die besseren Argumente. Ein „Nein“ kann Unterschiedliches ausdrücken: Verweigerung, Emanzipation, Widerspruch und Eskapismus. Nein zu gewissen Handlungen, nein zu einer Gruppe von Menschen, nein zu Interpretationen und nein zu gesellschaftlichen Zwängen.

Ein Bericht von Christoph Mödlhamer

Open Mind Salzburg

Dieser Kunst des Neinsagens widmete sich das diesjährige Open Mind Festival der ARGE Kultur Salzburg unter dem Titel „AUSweg. Das wesentliche NEIN“. Ein buntes Programm, bestehend aus Theater, Konzerten, Diskussionen, Vorträgen, Workshops und Filmen näherte sich diesem Ausweg durch Neinsagen an. Auftakt des seit 2009 stattfindenden, zehntägigen Festivals war die Premiere des mit dem Nestroy-Preis ausgezeichneten Theaterstücks „Immersion. Wir verschwinden“ des aktionstheater ensembles. Die drei Protagonisten erzählen darin über eigene Erfahrungen aus Theater- und Filmschauspielerei, sowie Poetik. Über ungerechte Behandlung, über Scheitern, übers Übersehenwerden. Aber auch über die eigene Großartigkeit. Dieses Erzählen bringt sie in Rage. Macht sie traurig. Steigert in ihnen die Sehnsucht, einfach auszubrechen. Doch wohin? Wohin flüchten? Darauf finden auch sie keine Antwort und die Grenzen zwischen Fiktion und Realität verschwimmen. Das Erzählte erregte Mitleid. Trotzdem wurde gelacht. Eine gelungene Komödie.

Die Diskussionen behandelten Themen wie sexuelle Orientierung bzw. geschlechtliche Identität als Fluchtgrund oder den Kapitalismus. Die verbindende Gemeinsamkeit: Ein System wird abgelehnt, das für die TeilnehmerInnen nicht funktioniert. Im ersten Fall wird Flucht gewählt und Betroffene erzählten. Im zweiten soll das „Nein“ zum System Änderung bringen, worüber Srećko Horvat und Robert Misik diskutierten. Das Thema Flucht ist spätestens seit Sommer 2015 auch in Österreich angekommen. Wie man damit umgehen kann, zeigte die „Ich bin O.K.“-Dance Company mit ihrem Tanztheaterstück „Kein Stück Liebe“ mit Unterstützung zweier AsylwerberInnen. Paul Plut, Sänger der Band Viech, stellte im Rahmen des Festivals sein Soloprojekt vor. Er bearbeitet damit die allerletzte Möglichkeit menschlichen Neinsagens: Den Suizid. Nein sagen zur Gesellschaft, in der man lebt. Flucht durch Emanzipation: Das griff der Film „My Talk with Florence“ von Paul Poet auf, der die Lebensgeschichte von Florence Brunier-Bauer erzählt. Untermalt wurde die Filmvorführung durch den großartigen Alec Empire. Die englische Publizistin und Feministin Laurie Penny stellte ihr neues Buch „Unspeakable Things – Sex Lies and Revolution“ vor und sprach dabei über den Zusammenhang von Neoliberalismus und den damit verbundenen reaktionären Geschlechterrollen. Abgeschlossen wurde das Festival durch ein Konzert feministischer Bands, denen eines gemeinsam ist: Ihnen schmecken die momentanen Zustände nicht, denn genug ist genug.

Open Mind Festival Salzburg


Nähere Infos:

Open Mind Festival

AUSweg. Das wesentliche Nein.


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